»Verloren? also glauben auch Sie, daß er verloren ist?« rief jetzt Rosy in der Angst um den geliebten Mann – denn auf diesen mußte sie doch natürlich das Gesagte beziehen.
»Ist? gewesen ist, beste Miß,« sagte Mrß. Smith lächelnd: »und das war ja noch das Glücklichste, was Sie sich hätten denken können. Aber nach so langer Zeit einen Menschen unter den entsetzlichen rothen Wilden wieder zu finden, scheint mir doch wirklich etwas erschrecklich Merkwürdiges. Was ich doch sagen wollte: wie lange ist es also her, daß ihn Mrß. Rowland verloren hat?«
»Mrß. Rowland?« wiederholte, jetzt wieder ganz irre gemacht, das junge Mädchen, und die alte Frau, ob nun durch Nennung ihres Namens aus ihrem Halbschlaf geweckt, oder schon längst vielleicht den Worten mit geschlossenen Augen lauschend, wendete leise den Kopf nach der Redenden und schaute zu ihr auf. »Mrß. Rowland? ich weiß gar nicht ...«
»Nun, eine zwanzig Jahre muß es doch gewiß sein,« fuhr die unverwüstliche Mrß. Smith, der es jetzt nur darum zu thun schien, die beiden Frauen wissen zu lassen, sie kenne die ganzen Verhältnisse genau und sei vollkommen vertraut mit denselben, ruhig fort: »ich weiß mir's noch recht gut zu erinnern, wie mein Seliger, John Rosbeard von Connecticut, der auch damals hier eine Bleimine angelegt oder gefunden hatte, davon sprach. Aber wenn sie ihn nur vorher erst abwaschen, ehe sie ihn mit herein bringen – Jesus, meine Zuversicht! so ein gemalter Mensch ist doch was Fürchterliches, wenn er blaue Backen, eine gelbe Nase, rothe Ohren und grüne Lippen hat – und die Scalpe! Denken Sie sich, Miß Baywood, wie mir einmal mein Seliger das Scalpiren beschrieb und seinen Scalp, der ihm doch noch ganz fest und gesund auf dem Kopfe saß, mir zeigte, fiel ich Ihnen wahrhaftig um wie ein Stück Holz, so ohnmächtig wurde ich – wenn sie nur nicht scalpiren wollten! das Andere ließe man sich noch immer gefallen, aber das Scalpiren ist fürchterlich.«
»Mrß. Smith!« rief da plötzlich Mrß. Rowland, von ihrem Stuhle in Angst und peinlicher Ueberraschung emporfahrend, denn der Dame Reden, die so ganz zu dem stimmten, über das sie ja den ganzen thränenlangen Tag getrauert, trieben ihr das Blut in rasender Schnelle durch die Adern und machten ihr Herz fast hörbar klopfen.
»Mutter,« bat Rosy, die bestürzt der Leidenden erregten Zustand erkannte und rasch auf sie zusprang, sie zu beruhigen, »Mutter, es ist ja nur ein Mißverständniß!«
»Gott bewahre, Mrß. Rowland,« fiel da rasch die Dame ein, »ich glaubte ja gar nicht, daß Sie es hören würden; nein, an's Scalpiren wird er nicht mehr denken, wenn er das auch früher gethan hat, denn das lassen die erschrecklichen Menschen nun einmal nicht – es sind ihre Sieges-Trophäen, wie sie's nennen –; aber Mr. Billygoat wird ihn schon lehren, was guter und echter Christen Pflicht ist – nein, es ist doch ein herrlicher Mann, dieser Mr. Billygoat.«
»Mrß. Smith,« sagte die Kranke leise, und die Hand, die Rosy zurück schob, zitterte wie in Fieberfrost, »wer wird nicht mehr an's Scalpiren denken? wer trägt die Farben und Abzeichen der Wilden – wer – großer Gott, die ganze Stube dreht sich mit mir – wer war verloren – zwanzig Jahre – und ist – und ist wieder gefunden?«
»Aber, liebe Mrß. Rowland,« lächelte gutmüthig die würdige Kaufmannsfrau, »was thun Sie denn nur gegen mich so geheimnißvoll? ich weiß ja die ganze Geschichte – ist denn nicht jetzt eben Tom Fairfield fort geritten, ihn zu holen? Ich weiß nur noch nicht bei welchem Stamme er ist, denn den Namen konnte ich nicht recht verstehen; wenn Sie's aber nicht wollen, will ich ja auch wahrhaftig mit keinem Menschenkinde ein Wort darüber wechseln.«
»Tom Fairfield fort, ihn zu holen – bei welchem Stamme?« wiederholte die alte Frau mit zitternder, halblauter Stimme und preßte sich die Stirn zwischen die eisigen Hände – »heiliger Gott! träume ich denn, oder bin ich wahnsinnig geworden in Kummer und Gram?«