»Ha!« schrie die alte Frau mit einem Laut, der den Beiden durch Mark und Seele schnitt – Rosy warf sich augenblicklich über die zusammenbrechende Gestalt und rief nur noch mit vorwurfsvoller Stimme: »O, Mrß. Smith, was haben Sie gemacht, Sie haben sie getödtet!« Und diese würdige Dame stand im Anfange selbst zum Tode erschrocken, denn noch begriff sie den ganzen Zusammenhang nicht, und nur der Gedanke begann allmählich in ihr zu dämmern, daß sie doch wohl am Ende einen gewaltig dummen Streich gemacht und sich selbst in eine äußerst fatale Sache hinein gearbeitet habe.
Hierin wurde sie auch bald durch Rosy's Erklärung bestätigt, und als sie erfuhr, daß sie beide die Ursache von Tom Fairfield's Abwesenheit gar nicht gewußt und über den Zweck seiner Sendung keine Ahnung gehabt, war sie außer sich. Sonst von Herzen seelengut, und gewiß die Letzte, die irgend einer ihrer Nachbarinnen – und nun noch besonders der wackeren, unglücklichen, kranken alten Frau – mit Willen weh gethan hätte, wurde ihr der Gedanke unerträglich, durch ihre Schwatzhaftigkeit, die sie jetzt gar nicht genug verwünschen konnte, solches Unheil angerichtet zu haben. Sie wich nun auch nicht von Mrß. Rowland's Seite, that alles, was in ihren Kräften stand, Rosy die Pflege zu erleichtern, und beruhigte sich nicht eher, als bis sie sah, daß sich die Ohnmächtige wieder erholt hatte und, aus Erschöpfung wahrscheinlich, in einen tiefen, gesunden Schlaf gefallen war.
Wunderbar war die Veränderung, die, nachdem sie sich wieder erholt, mit ihr vorgegangen schien. Rosy hatte schon von der Erinnerung an das Gehörte das Schlimmste befürchtet und deshalb auch mit klopfendem Herzen der Mutter Erwachen beobachtet – dem aber gerade entgegengesetzt zeigte sich die Kranke vollkommen ruhig und hatte nicht etwa das Geschehene vergessen, sondern fing selbst wieder zuerst davon an, indem sie fragte, ob Tom mit ihm noch nicht zurück gekommen sei. Rosy wollte ihr jetzt das Ganze noch ausreden und meinte, es seien ja doch nur Vermuthungen der Frau – einzelne Worte, welche sie hinter der Thür erhorcht und die wahrscheinlich etwas ganz Anderes bedeutet hätten. Mrß. Rowland bat sie aber ruhig, ihr nicht durch solche freilich gut gemeinte Reden nur weh zu thun, indem sie ihr die einzige Hoffnung zu rauben suche, an der ihr Herz jetzt noch auf dieser Welt hange und mit deren Zerstörung es ebenfalls, wie sie das recht gut fühle, zu Grunde gehen müsse. Sie war dabei so gefaßt, sprach so vernünftig über das Selige und Schmerzliche des ersten Begegnens, daß es Rosy'n, dem armen Kinde, ordentlich unheimlich vorkam und sie den Gedanken nicht los werden konnte, der Zustand der Kranken sei ein übernatürlich erregter, und ihr Körper werde jetzt nur auf kurze Zeit von dem stärkeren Geiste aufrecht gehalten.
Wie dem aber auch war, Mrß. Rowland blieb den ganzen Tag so still und gefaßt, erkundigte sich mehrere Male, ob sie denn noch nicht gekommen seien, und ließ es sich von Rosy fest versprechen, ihr nun, da das doch nichts mehr helfen könne, auch die Ankunft der Beiden nicht zu verheimlichen – nur den Namen vermied sie zu nennen – das Wort Sohn war noch nicht über ihre Lippen gekommen.
So mochte es fünf Uhr Nachmittags geworden sein. Mrß. Smith hatte schon mehrere Male nachgefragt, wie es der Kranken gehe, und sich eben wieder, wohl zum zwanzigsten Mal, über ihr ungeschicktes Benehmen am Morgen entschuldigt, als es wieder an die Thür klopfte und Mrß. Rowland mit einem kaum unterdrückten Schrei in ihrem Stuhle emporfuhr, denn als sich die nur angelehnte Thür öffnete, trat Tom Fairfield herein, aber – allein.
Rosy erschrak ebenfalls; ehe aber sie oder Tom ein Wort sprechen konnte – streckte ihm Mrß. Rowland mit stierem, entsetztem Blick den Arm entgegen und rief mit vor innerer Bewegung kaum hörbarer Stimme: »Wo ist er?«
»Um Gott!« sagte Tom erschreckt und sah Rosy an, »woher weiß Ihre Mutter ...«
»Wo ist er? Tom, wenn Ihr mich tödten wollt, so zögert mit der Antwort.«
»Sie weiß Alles,« bestätigte Rosy unter Thränen, und Tom, der bald fand, daß es aller der von ihm für nöthig gehaltenen Vorbereitungen gar nicht mehr bedürfe, beruhigte, wenn er auch nicht begriff, durch wen sie es erfahren haben konnte, die Frau nun wenigstens vor allen Dingen in so weit, daß er ihr versicherte, er habe ihren Sohn gefunden und mitgebracht, und er sei wohl und gesund, sie aber solle sich heute Abend sammeln und vorbereiten, daß er ihr denselben morgen früh herüber bringen könne.
Davon wollte die Mutter aber nichts länger hören – »morgen? – weshalb nicht heute? – jetzt? War sie jetzt weniger gesammelt, als sie es morgen sein würde? sicherlich nicht – die lange Nacht der Erwartung würde ihre Kräfte nur abspannen, und jetzt, jetzt wollte sie den so lange Jahre beweinten Knaben sehen – nicht morgen.«