Mutter und Sohn blieben lange allein. Dieser hatte bald auch die letzte Scheu überwunden und saß jetzt neben der Mutter, streichelte ihre Hand und nannte sie in seinem gebrochenen Englisch mit den süßesten, sanftesten Namen, die er finden konnte.

Erst wohl nach Verlauf einer halben Stunde, und als sie sich beide vollkommen gesammelt hatten, traten die Uebrigen wieder ein, und Tom mußte jetzt vor allen Dingen erzählen, wie er den Verlorenen gefunden und ihn bewogen habe, mitzukommen. Er that das, wenn auch nur in sehr kurzen Worten und Umrissen.

Den Stamm der Konzas hatte er am vierten Tage nach seiner Abreise von Boonville schon erreicht und dort augenblicklich seine Nachforschungen begonnen, aber eine bestimmte Antwort konnte er weder von Krieger noch Häuptling erhalten – theils stellten sich alle, an die er sich wandte, als ob sie seine Sprache nicht verstehen könnten, theils läugneten sie, irgend etwas von einem Weißen in ihrer Nation zu wissen. Aber gerade dieses Läugnen bestärkte den Amerikaner nur mehr und mehr in dem Glauben, daß diese nicht die Wahrheit sprächen; denn Einige sahen ihn erstaunt an, als ob sie nicht begreifen könnten, wie er das erfahren hätte, Andere wurden verlegen und sagten, sie wüßten es nicht genau, sie glaubten, es sei einmal früher einer bei ihnen gewesen, – bis er endlich einen Halb-Indianer, einen canadischen Franzosen traf, der ihn rasch auf die richtige Spur brachte. Noch an dem nämlichen Abend führte er ihn in das Dorf, wo sich der »weiße Hirsch,« wie sie ihn nannten, aufhielt, und wenn dieser auch im Anfang gar keinen Verkehr mit dem »Bleichgesicht« haben wollte, ja, sich sogar hartnäckig weigerte, ein Wort Englisch mit ihm zu sprechen, so ließ er sich doch zuletzt wenigstens willig von dem Dorf der Weißen erzählen, und fing sogar an, aufmerksam den Worten des Fremden zu lauschen, als dieser ihm von der Mutter sagte, die daheim in Sorge und Kummer so lange Jahre sehnsüchtig seiner geharrt und auf das Wiedersehen ihres Kindes gehofft habe. Besonders und ordentlich auffällig erschütterte ihn aber Tom's Rede, als dieser – wie sich der Verwilderte immer noch nicht bewegen ließ, ihm zu folgen – endlich ausrief: »Und so will denn der weiße Hirsch, daß seine kranke alte Mutter daheim allein dem Grabe zusiecht und keinen Sohn hat, der ihren Wigwam deckt – ihr Wild jagt und das erlegte bereitet, sie zu stärken? Sollen Fremde ihr Grab graben, daß nicht Wolf und Aasgeier ihre Gebeine entheiligen?« – »Ugh!« hatte er da ausgerufen – »weißer Mann hat Recht – weißer Hirsch böser Sohn« – und in die Höhe sprang er, und eilte hinaus in den Wald.

Tom Fairfield war aber nicht wenig bestürzt, als der »weiße Hirsch« am nächsten Morgen verschwunden und auch nirgends aufzufinden war; Hütte bei Hütte durchforschte er nach ihm, und manch zorniges Wort, manche finstere Drohung ertrug er, wenn er vielleicht den Wigwam eines den Bleichgesichtern feindlich gesinnten Kriegers betreten hatte. Schon wollte er die Hoffnung, den Entflohenen für jetzt wieder zu finden, als ganz trostlos aufgeben und eben sein Pferd besteigen, um zu dem Nachbardorfe, wo der Canadier seinen Wigwam aufgeschlagen, zurück zu kehren, als plötzlich der Verschwundene völlig gerüstet wie zu Schlacht oder Kriegszug, auf seinem rauhhaarigen Poney angesprengt kam und sich erbot, ihn zu begleiten. Allerdings wollten sich dem jetzt Einige des Stammes widersetzen und nicht dulden, daß der, welcher einer der Ihrigen geworden, auf solche Art ihnen wieder entführt werde. Der »weiße Hirsch« schien aber nicht leicht durch irgend eine Drohung eingeschüchtert; mit kräftig trotzigen Worten wies er die Unzufriedenen zurück, und seine Kriegskeule in der Rechten, in der Linken die Büchse, und das Pferd nur mit den Schenkeln regierend, sprengte er unerschrocken durch die Schaar, die ihm auch wirklich Raum gab und keinen thätlichen Versuch machte, ihn oder seinen Begleiter zurück zu halten.

So kamen Sie nach Boonville, und John Rowland bog sich liebkosend über der Mutter Hand hinüber, als ihn diese bat und ihm das Versprechen abnahm, sie die wenigen Tage, die sie noch auf dieser Erde zu leben habe, nie – nie wieder zu verlassen.


Ein voller Monat verging so, ohne daß in Boonville irgend etwas Wichtiges vorgefallen wäre. Wenn aber auch die Matrone in dem Glück, ihr Kind wiedergefunden zu haben, die ersten Wochen wie neu geboren und Schwäche und Krankheit gänzlich zu vergessen schien, so kehrte doch bald die natürliche Erschöpfung zurück, die solcher Aufregung auch selbst bei gesundem Zustand hätte folgen müssen, und sie wurde von Tag zu Tag schwächer und hinfälliger.

Was John betraf (denn den Namen »der weiße Hirsch« hatte er gleich von Anfang an abgelegt), so fand sich der in das civilisirte Leben der »Städter« besser und leichter, als man es wohl hätte erwarten können; er trug wenigstens die Kleider, die man ihm angelegt – ja, nach einiger Zeit selbst Schuhe und einen Hut, aß mit am Tische und mit Gabel und Löffel und schien sich besonders bei seiner Mutter wohl zu fühlen, bei der er oft stundenlang, am liebsten, wenn sie schlief, neben dem Bette saß und ihr still und ernst in das bleiche Antlitz schaute. Sonst war aber kein ganz gutes Auskommen mit ihm; er war wild und herrisch, wie er das als Krieger seit seiner Mannbarkeit ja auch nicht anders gewohnt gewesen, und es jetzt nur schwer und ungern ablegen mochte.

Am besten kam noch Rosy mit ihm aus; das liebe sanfte Kind übte den größten Einfluß auf das rauhe Wesen des jungen Mannes, und wo er einmal in Kleidung, Sitte oder Sprache – wie das übrigens gar nicht selten geschah – in seine alten Gewohnheiten zurücksinken wollte, bedurfte es von Rosy nur eines Wortes, ja, oft nur eines Blickes, seinen Sinn, der in einzelnen Fällen selbst nicht unbedingt der Mutter nachgab, zu beugen.

Drei Personen lebten aber in Boonville, denen John auswich, wo er nur irgend konnte, und auf die er, im Laufe der Zeit, nach und nach selbst eine Art von Haß übertrug. Die erste war unsere gute, aber geschwätzige Mrß. Smith, die ihn von vorn herein so mit ihren Fragen und Erkundigungen gepeinigt hatte, daß er sie ordentlich fürchtete, und einmal sogar zum Entsetzen seiner Mutter, die gar nicht begriff, was ihn auf einmal anwandle, aus dem Fenster sprang, als jene zur Thür hereintrat.