Die zweite war der ehrwürdige Pastor Billygoat, der es in seinem heiligen Eifer für Pflicht und Schuldigkeit hielt, den »armen blinden Heiden« zu bekehren. Im Anfang, und besonders weil es seiner Mutter große Freude machte, lauschte John mit ziemlicher Aufmerksamkeit dessen Worten, und wenn er auch später nur durch Rosy's Bitten dahin gebracht werden konnte, still sitzen zu bleiben, sobald der Prediger – oder der »Medicin-Mann«[12], wie er ihn unerschütterlich nannte – seine Hand einmal auf ihn gelegt und seine Worte an ihn gerichtet hatte, so blieb er doch darin ganz der so schönen indianischen Sitte treu, daß er den Mann nie unterbrach, sondern ihn ruhig ausreden ließ und mit wenigstens äußerer Aufmerksamkeit ihm zuhörte. Pastor Billygoat täuschte sich aber gewaltig, wenn er das auch nur einen Augenblick für wirkliche Andacht hielt – John haßte den alten Mann wie die Sünde – und vielleicht noch mehr – und durch ihn auch die Religion, die er ihm predigen wollte. Trotzdem blieben beide im Anfang noch auf ziemlich friedlichem Fuß mit einander, und der Prediger schien zufrieden, wenn sein neu zu Bekehrender nur ruhig und ohne Widersetzlichkeit die gehörige Zeit aushielt.
[12]: Medicin-Männer heißen bei den indianischen Stämmen die Aerzte, Zauberer und Priester.
Die dritte Person aber war wunderbarer Weise gerade der Mann, der doch als die Hauptursache und das Werkzeug seines jetzigen Hierseins angesehen werden mußte – und zwar Niemand anders, als Tom Fairfield selber. Im Anfang schienen die beiden jungen Leute unzertrennlich. Tom gab sich jede nur erdenkliche Mühe, den verwilderten Weißen in alle Geheimnisse des civilisirten Lebens wieder einzuweihen, und John, wenn auch mit augenscheinlichem Widerwillen, fügte sich doch gern jeder Neuerung, die der Hinterwäldler, den er überdieß als vortrefflichen Jäger kennen lernte und deßhalb achtete, mit ihm vornahm. Je länger er aber in der Mutter Hause lebte, wo Tom Fairfield ein täglicher Gast war, desto mehr und mehr zog er sich von ihm zurück, antwortete einsilbig auf seine Anreden, mied seine Gesellschaft und wurde sogar, was sonst selbst nicht gegen den Prediger geschah, unfreundlich, wenn er ihm nicht mehr ausweichen konnte.
Das nahm, je weiter es in den Herbst hinein kam, mehr und mehr überhand, da sich besonders in letzter Zeit Mrß. Rowland's Zustand auch immer mehr verschlimmert hatte. Die Krankheit der alten Frau schien in den ersten Wochen von ihres Sohnes Rückkunft durch die Freude und Aufregung des Wiedersehens fast ganz gehoben; nach dieser unnatürlichen Erregung trat aber auch eine Erschlaffung ein, die bald das Schlimmste besorgen ließ, und Rosy, das arme liebe Kind, fast ausschließlich an die Seite der jetzt fortwährend bettlägerigen Kranken bannte. John verließ das Haus ebenfalls nur sehr selten und nie anders, als wenn er in den Wald ging, einen Hirsch oder Truthahn zu schießen; hatte er aber Fleischvorrath daheim, so schaute er oft stundenlang in stummem Brüten zu, wie Rosy die Mutter pflegte oder, wenn diese einmal eingeschlafen war, ihre sonstige Arbeit, das große surrende Baumwollen-Spinnrad sachte bei Seite schob und sich mit ihrer Näherei, die Augen der Kranken zugekehrt, zu Füßen des Bettes setzte.
Der November war indessen angebrochen, und wenn auch der wundervolle Herbst – in dieser seiner schönsten Zeit, dem sogenannten indianischen Sommer – noch freundliche und selbst warme Tage brachte, so braus'te doch auch schon manchmal ein recht ordentlicher Nord-West durch die Wipfel der sich in die buntesten Herbsttinten schmückenden Blätter. Und wie das Laub erstarb, wich auch die Kraft, das Leben aus dem Herzen der armen alten Frau. Lange Jahre hatte sie standhaft und still den Schmerz ertragen, dem Leiden die Stirn geboten – jetzt, mit der einkehrenden Freude, erlag das arme Herz Gefühlen, die zu mächtig für es waren und zu erschütternd. Wie der Saft aus dem Laub und dem Stamm der Bäume und Pflanzen schwand, so ebbte auch der Lebensstrom in ihren Adern, und von Tag zu Tag fühlte sie mehr das Herannahen ihrer Auflösung.
Und doch hätte sie gerade jetzt noch so gern gelebt, denn ihrem Scharfblick entging es keineswegs, wie der durch so treues Ausharren so theuer erkaufte Sohn sich nicht mehr wohl und glücklich in seiner neuen Umgebung fühle. An der Mutter hing er, ja – und mit all der Gewalt kindlicher Liebe, die stark genug gewesen war, ihn seinem wilden Leben zu entziehen, bannte es ihn an ihr Lager, und ließ ihm nicht Ruhe noch Frieden draußen im Wald, seiner sonstigen Heimath. Wie aber sollte das werden, wenn sie einst hinüber gegangen und damit auch das Band zerrissen war, das ihn jetzt noch an das civilisirte Leben hielt? Nur Eine Möglichkeit gab es, ihn auch später zu fesseln, und die sah die arme alte Frau einzig und allein in der Vereinigung ihrer Pflegetochter mit dem jungen Tom Fairfield, der sich in der letzten Woche in Boonville förmlich niedergelassen und jetzt ordentlich und ehrlich um Rosy's Hand angehalten hatte. Bei diesen Beiden konnte John bleiben – in ihnen fand er stets treue und liebende Geschwister, und ihnen gelang es auch gewiß, den Sohn von der Rückkehr zu jenem entsetzlichen Leben unter den heidnischen Wilden abzuhalten. Ja, selbst Rosy's wegen war es gut, vielleicht nöthig, daß sie versorgt ward und eine männliche Stütze hatte, ehe sie die Mutter verlor, und das alles ließ Mrß. Rowland wünschen, ihre Vereinigung so bald als möglich bewirkt zu sehen.
Eigenthümlich war der Eindruck, den diese Nachricht, die er aus der Mutter Mund erfuhr, auf John machte – keine Sylbe erwiederte er, nicht den Blick hob er von der Spitze seines groben Schuhes, den er gegen die leichten Moccasins hatte vertauschen müssen, und zwei Mal fragte ihn die Mutter, ob er sie gehört und ob er sich nicht freue, daß seine Pflegeschwester einen so wackeren Schützer bekäme, der sie gegen die Stürme des Schicksals schirmen und wahren könne.
»Und will Rosy weißen Jäger?« sagte er leise, und als ob er die Antwort schon eigentlich vorher wisse.
»Sie lieben sich schon seit langen Jahren, und Rosy glaubt glücklich mit ihm zu werden.«
»Gut – John freut sich,« sagte der junge Mann, stand auf und verließ das Zimmer – kehrte auch den ganzen Tag nicht mehr zurück, sondern blieb bis spät in die Nacht draußen im Wald, wo er nachher, sein Pony schwer mit Wild beladen, zurückkehrte und, ohne Jemanden an dem Abend weiter zu sprechen, von außen am Haus hinauf in sein Lager kletterte.