Von dem Tage an war John wie ausgewechselt – sonst still und friedlich, wurde er mürrisch und zanksüchtig, verkehrte, außer mit seiner Mutter und Rosy, mit Niemand mehr und ließ jetzt sogar nicht selten seinem wilden Muthwillen bei allen denen freien Lauf, die sich in seinen Weg stellten oder sonst durch irgend etwas seinen Haß auf sich gelenkt hatten. Gegen die würdige Mrß. Smith zeigten sich diese Launen gewöhnlich nur neckischer Art; hatte sie ihn einmal zu irgend einer Zeit wieder angeredet oder um etwas gefragt, so konnte sie sich fest darauf verlassen, es wurde ihr Abends, wenn sie ihr Essen kochte, irgend ein Stein oder Stück Holz durch den Kamin in den Topf geworfen, oder durch einen nie zu Ermittelnden, wenn sie nach Dunkelwerden auf ihrem gewöhnlichen Platz in der Stube saß, ein Gewehr dicht neben ihr abgefeuert, daß sie erschrak und gewöhnlich mit einem lauten Aufschrei in die Höhe fuhr – oder die Hühner flatterten Nachts gestört umher, und nicht selten fehlten sogar einzelne von Stellen, wo sie weder Eule, noch Opossum geholt haben konnte.
Schlimmer aber ging es dem armen Vater Billygoat, bei dem es jetzt, seiner Meinung nach, Ehrensache wurde, den hartnäckigen Heiden zu bekehren. War es ihm einmal gelungen, den »störrischen Wilden« so zu fassen, daß er ihm nicht mehr entrinnen konnte, und hatte er ihm dann eine recht eindringliche Ermahnungs- und Strafpredigt gehalten, dann fing John auf einmal an, grimmige und entsetzliche Gesichter zu schneiden, fletschte mit den Zähnen, rutschte und glitt dem mehr und mehr geängstigten Prediger immer näher und schrie ihm vielleicht zuletzt noch den gellenden Schlachtschrei der Konzas so nahe und scharf in die Ohren, daß der fromme Mann entsetzt aus dem Zimmer floh und noch weit hinter sich drein das Hohnlachen des Heiden hören mußte. Nach jeder solcher Zusammenkunft konnte er sich aber auch fest darauf verlassen, daß ihm in derselben Nacht irgend ein Schwein abhanden kam, oder seine Fence an irgend einer Seite eingerissen und die Heerde in die Felder getrieben wurde, oder auch, wie das sogar einmal geschah, eine heimliche Kugel seine beste Kuh traf und tödtete.
Stellten die Leidenden den wahrscheinlichen Thäter zu Rede, so machten sie die Sache dadurch nur noch schlimmer, und das ganze Städtchen begann schon den »bekehrten Wilden«, wie er im Anfang hieß, als eine Plage zu betrachten, die man sich herzlich freuen würde, so bald als möglich wieder los zu werden.
Merkwürdig war es dabei, daß John an Tom Fairfield, so feindlich gesinnt er ihm sonst auch immer sein mochte, nie einen ähnlichen Muthwillen versuchte; ja, im Gegentheil rettete er ihm sogar eines Tages, als er ihn zufällig auf der Jagd traf, oder auch vielleicht durch seinen Schuß herbeigelockt war, auf die aufopferndste Art das Leben.
Tom hatte nämlich nicht weit von Boonville einen alten Bären beim Lappen[13] getroffen, aber, durch eine rasche Bewegung desselben verleitet, einen übereilten Schuß gethan, was ihm das angeschossene und gereizte Thier mit Blitzesschnelle auf den Hals brachte. Sein Hund war zu schwach, ihm wirksamen Beistand zu leisten; sein Messer brach beim ersten, einen Knochen treffenden Stoß, und wer weiß, ob er nicht von der Bestie, wenn auch nicht getödtet, doch gar arg verwundet worden wäre, hätte sich nicht John in dem Augenblicke, da er aus Furcht, den Mann zu treffen, nicht wagen durfte, zu schießen, mit keckem Muth auf den zottigen Feind geworfen und diesem sein Messer so sicher ins Herz gestoßen, daß er sich wohl noch gegen seinen neuen Gegner wenden konnte, gleich darauf aber, auch vom früheren Blutverlust schon erschöpft, todt zusammenbrach.
[13]: Lappen der Bären heißt, wenn sie im Herbst nach den reifen Früchten und Beeren naschen gehen.
Tom wollte dem jungen Manne danken und streckte ihm mit herzlichen Worten die Rechte entgegen – der aber wandte sich knurrend ab und verschwand, sich nicht weiter mehr um Jäger und Beute kümmernd, rasch im nahen Dickicht. Zu Hause sprach er auch kein Wort davon, nur als Tom heimkam und den Hergang erzählte, und die Mutter ihm mit glänzenden Augen die Wangen streichelte, und Rosy unter Thränen seine Hand nahm und ihn ihren lieben, lieben Bruder nannte, da wurde er weich, wie er seit lange nicht gewesen, und an dem Tage wäre vielleicht selbst Vater Billygoat ungestraft bei einem neuen Angriff weggekommen, hätte sich dieser würdige Mann nicht schon seit längerer Zeit fest vorgenommen gehabt, den heidnischen Wilden, der eigenen Schweine wegen, seinem Schicksale zu überlassen.
So standen die Sachen, als sich die Kranke eines Tages recht schwach und unwohl fühlte – ihre Kinder wichen nicht mehr von ihrer Seite, und John besonders saß neben dem Lager und hielt der Mutter Hand fest, fest in der seinen. Aber der Sand war abgelaufen, welcher der Leidenden auf dieser Erde zugemessen – die Kräfte wichen, die bis dahin das mürbe Gebäu ihres Körpers zusammen gehalten.
»Rosy,« flüsterte sie, als die Abendsonne ihrem Lager gegenüber stand und der rothe schimmernde Glanz den todtenbleichen Zügen noch einmal ein, ach! trügerisches Leben zu verleihen schien – »Rosy – Tom – mir wird so wunderleicht und wohl – die Glieder fühle ich gar nicht mehr, die mich sonst so bleiern an mein Lager bannten – ich glaube, der Tod naht – ach! dann ist es schön, zu sterben – aber – Euch lasse ich noch unvereinigt hier zurück, und mein Kind – meinen John, in Eurem Schutze – versprecht mir – versprecht mir, ihn stets – als Euren Bruder zu lieben.«
»Mutter!« schluchzte Rosy und barg das Antlitz an der Schulter der Sterbenden.