»Er soll mir wie mein liebster Bruder sein,« sagte Tom mit tiefer Rührung – »ja, nicht theurer konnten ihn diese Worte meinem Herzen machen, als er es jetzt schon ist – John soll nie einen anderen Freund brauchen, so lange noch ein Tropfen Lebenssaft in diesen Adern quillt.«

»Und, John,« sagte mit leiser Stimme die Mutter, »wird Dir das Grab der Mutter so theuer sein, als es die Lebende war?«

John hatte augenscheinlich einen harten Kampf mit sich gekämpft – er schämte sich, in der Gegenwart eines anderen Mannes zu weinen oder irgend eine Schwäche zu zeigen, und saß starr und regungslos, die Blicke unverwandt in eine Zimmerecke gerichtet; jetzt aber, bei der directen Anrede an ihn, wo ihm, der so oft den Tod gesehen, sein Auge sagte, daß das theure Leben nur noch wenige Minuten in der alten lieben Hülle weilen werde – jetzt konnte er sich nicht länger halten – am Bett fiel er nieder auf die Kniee, den Kopf barg er in der überhangenden Decke, und sein ganzer Körper zitterte von der Allgewalt des Schmerzes, der in ihm tobte.

»Guter John,« flüsterte die Mutter, und ihre Hand ruhte segnend auf dem Haupte des Sohnes – »guter – lieber John!«

»Mutter!« rief Tom Fairfield plötzlich, denn ein eigenes Zucken im Gesichte der Kranken – ein eigenes Erstarren der Züge erschreckte ihn. John fuhr schnell empor und heftete seinen Blick nur secundenlang auf das liebe Antlitz.

»Meine Mutter!« schluchzte er, und die hellen Thränen netzten seine sonngebräunten Wangen: »meine liebe Mutter! und Du gehst?«

Die Sterbende antwortete nicht mehr – der letzte Druck der Hände galt noch dem Kinde – der Tochter – ihr brechendes Auge hing an dem sinkenden Tagesgestirn, und mit dessen Verschwinden hinter dem goldglänzenden Laubnetz des Waldes schlossen sich auch die treuen Augen auf immer.


Am anderen Tage, nach der Mutter Tod, grub John, an derselben Stelle, wo früher seines Vaters Hütte gestanden, das Grab für die Verblichene – sie hatte es gewünscht, dort zu ruhen, und fast alle Einwohner des kleinen Ortes begleiteten die Leiche zu ihrer letzten stillen Ruhestätte unter den rauschenden schwanken Bäumen des Waldes. John blieb dort draußen drei volle Tage und Nächte, und als er endlich zurückkehrte, war er ernst und traurig und schien sein früheres wildes Wesen ganz verloren zu haben. Sanft wie ein Kind zeigte er sich gegen Jedermann, selbst mit dem Prediger war er freundlich, so freundlich, daß er den armen Mann im Anfange mehr damit erschreckte, als früher mit seiner Wildheit, weil der schon nicht anders glaubte, als daß dies nur eine andere Maske sei, unter der er neue Streiche auszuführen gedenke. Aber darin hatte er sich geirrt – John blieb sich immer gleich und vermied jetzt nur von Allen gerade die, deren Nähe ihm früher so unendlich wohl gethan.

Obgleich er nämlich seine alte Schlafstelle, den oberen Theil von seiner Mutter Haus, noch beibehielt, bekam ihn das junge Mädchen fast gar nicht mehr zu sehen; nur Morgens vor Tag stand er auf, schaffte Holz herbei, zündete das Feuer an und verzehrte im Hause sein Frühstück; dann aber mied er Rosy's Nähe den ganzen Tag, und nur Abends hörte sie, wie er von außen in seine Kammer wieder hinauf stieg und sein Lager suchte. Wildpret genug schaffte er dabei zum Hause, und weiche Felle gerbte er ihr nach indianischer Art, und nähte Moccasins und färbte Decken für sie; aber nicht daheim that er das, sondern im Walde draußen, wie auch das Wetter war, und nur froh konnte sie ihn machen, wenn sie annahm, was er ihr, meist Morgens, brachte.