Und wo war der indessen geblieben? — Den kleinen Bergstrom hinab verfolgte er, bei dem unsichern Licht des Mondes, seine stille Bahn. Nicht rechts noch links schaute er, denn links gähnte die tiefe Schlucht und unten hin murmelte über hineingerollte Felsblöcke der Strom, und rechts stiegen hohe rauhe Steinmassen empor, die eine Wanderung bei Nacht zwischen ihnen nicht allein sehr schwierig, sondern fast unmöglich machten. Von dort brauchte er daher auch keine Verfolgung, keinen Ueberfall zu fürchten; vor ihm konnte noch Keiner sein, da seine Flucht erst sicher am nächsten Morgen entdeckt wurde, und hinter ihm — die hätten rasch und sicher auf den Füßen sein müssen, die bei Mondschein und solchem Terrain seinen flüchtigen Schritten gefolgt wären. — Nur einmal hielt er an und lauschte — nein, er hatte sich nicht getäuscht — durch das dürre Laub sprang und rollte ein Stein und fiel jetzt schwer und geräuschvoll in das Wasser hinab. Konnte der Fuß einer seiner Feinde den Stein hinabgestoßen haben? — Er zog die eine Pistole aus dem Gürtel — der Hahn derselben hakte in dem Loch, das ihm der Indianer in das Hemd geschnitten hatte, und er mußte ihn erst mit der linken Hand befreien — dann drückte er sich hinter einen vorstehenden Felsen und lauschte mit klopfendem Herzen. Aber es blieb Alles ruhig, kein Blatt regte sich mehr, so still war die Nacht geworden, und nach zehn Minuten setzte er rasch und zufrieden gestellt seinen Weg fort. Massen von wilden Katzen und Waschbären gab es hier, eines dieser Thiere, die Nachts den Wald durchstreifen, hatte die Steine wahrscheinlich berührt und hinabgestoßen. — Er folgte indeß dem Lauf des Stromes nicht weiter, als bis er zu einer Strecke kam, wo breite solide Felsplatten, auf denen jede Spur eines Menschenfußes verschwinden mußte, einen Theil seines Ufers bildeten. Hier verließ er diesen Wassercours und kletterte jetzt in einem rechten Winkel ab, auf einzelnen Felsstücken höher und höher klimmend, den Berg hinauf und den Wassern des Calaveres zu. Dort lagen noch weite, wenig bearbeitete und bevölkerte Strecken, steile, unzugängliche Gebirgsmassen waren durch die angeschwellten Ströme wie von einander gerissen worden, und einmal in diesen Bergen, brauchte er nicht so leicht zu fürchten, einem Bekannten zu begegnen. Dort hinüber lag auch sein Weg nach den nördlichen Minen, denn er mußte aus dem Bereich der Jesus-Stämme sobald als möglich zu kommen suchen. — Jetzt hatte er den Gipfel erreicht, keuchend blieb er stehen, durch kurze Rast wieder frische Kräfte zu sammeln und sah den Weg zurück den er eben gekommen, und der düster und steil, wie aus einem Abgrund heraufführend, hinter ihm lag.
In Osten dämmerte der erste Strahl des jungen Tages, in den Eichen fing der Morgenwind an zu flüstern und leise, leise tönte dazu das ferne Geräusch des sprudelnden Bergstromes herauf. Der Indier athmete hoch auf, als er aber den Kopf wandte, zuckte er gählings zusammen, denn kaum zwanzig Schritte von ihm entfernt duckte sich in diesem Augenblicke — er konnte es deutlich erkennen, — eine menschliche dunkle Gestalt hinter einen umgestürzten Baumstamm, und schien in den Boden verschwunden.
Das erste Gefühl des Indiers mochte sein sich dem einzelnen Feinde geradezu entgegen zu werfen und den zu vernichten, der sich seiner Flucht in den Weg stellen wollte. Blitzesschnell, als ihn der Gedanke durchzuckte, riß er das Pistol aus dem Gürtel; da aber raschelte es rechts von ihm im Laub und wurde lebendig unter den dunklen Schatten. Gerade da, wo er den Berg heraufgekommen war, sprang eine dunkle Gestalt von Stein zu Stein und mit kaltem Entsetzen ergriff ihn die Ueberzeugung, daß er umstellt — verloren sei. Noch aber blieb ihm ein Ausweg, links hin über den Bergrücken, der die Wasser des Calaveres von denen des Stanislaus schied, war ihm die Bahn noch offen und das Bündel das er bis dahin getragen von sich werfend, die gespannte Pistole in der Hand, flog er in wilden Sätzen den rauhen Bergrücken entlang. Es galt sein Leben und es war, als ob ihm der Gedanke übermenschliche Kräfte verliehen habe.
Aber er hatte die schnellfüßigen Krieger vom Stamme der Witongs hinter sich — ihr Jagdruf schallte durch die Berge, und nicht allein das Echo der Thäler gab ihn zurück, sondern rechts und links, ja selbst von vorn herüber antwortete der gellende Gegenruf, der dem flüchtigen Mörder das Blut zurück in das klopfende Herz trieb.
Näher und näher kamen sie heran, das Wild war umstellt und die Jäger ihrer Beute gewärtig — der Indier wußte schon nicht mehr wohin er floh — nur vorwärts — vorwärts brach er durch die Büsche. Nicht die scharfen Steine, die seine Füße wund rissen, nicht die Zweige, die in seine flatternden krausen Haare griffen, achtete er — vorwärts — das Pistol in der krampfhaft geballten Hand stürzte er sich mehr als er lief einen niederen Berghang hinunter — vorwärts. Aber auch von dort traten ihm die Feinde entgegen — überall, wie aus dem Boden heraus tauchten sie auf, und der alte Häuptling mit dem Muschelschmucke sprang neben ihm her, schrie ihm sein höhnisches „Walle Walle“ entgegen, und schwang die Schnur um den Kopf, mit der der Indier den Witongkrieger erwürgt hatte.
Der Bombay-Mann schrie laut auf in Todesangst, und brannte in demselben Augenblicke, aber selbst unbewußt, was er that, die Pistole aus den alten Häuptling ab. Doch seine Hand flog ihm wie in Fieberfrost; selbst auf die wenigen Schritte Entfernung vermochte er sein Ziel nicht zu treffen, und als der Knall der Schußwaffe noch donnernd über die Hügel hinschmetterte und das Echo in all den hundert kleinen Schluchten und Gulches weckte, lag er, von des Indianers Arm zu Boden geschlagen, bewußtlos auf den Steinen.
Denselben Nachmittag um drei Uhr etwa erreichten die weißen Männer aus Stoutenburgk, von den jungen Leuten der Kayotas geführt, eine kleine Schlucht. Alle Spuren, die sie unterwegs angetroffen, führten dorthin, und der Constabel, der sich den Indianern ziemlich zur Seite gehalten hatte; rief aus, er sei überzeugt der Dieb habe sich nach den San Antonio Diggins hinüber gewandt. Da deutete plötzlich einer der Indianer mit einem halbunterdrückten Schrei die Schlucht hinunter. Aller Augen folgten der Richtung, und sie sahen deutlich eine dunkle Gestalt, die in der Luft zu schweben schien. Wenige Secunden raschen Laufes brachten sie an Ort und Stelle, und bald fanden sie, daß sie nicht weiter zu gehen brauchten — sie hatten Alles was sie suchten gefunden.
An einer niedrigen Eiche, von der nämlichen Schnur getödtet, die er selber gebraucht hatte sein Opfer zu erwürgen, hing der Ostindier; unter dem Baum aber lag Alles, was er aus dem Zelte des Constabels mitgenommen hatte, selbst der Beutel mit dem unangerührten Golde, obgleich die Indianer das recht gut für das Geraubte hätten beanspruchen können. An dem Körper war keine Wunde weiter zu entdecken; nur ein einzelner Pfeil stak in seiner Brust, und zwar genau durch das Loch geschossen, das der Häuptling schon am vorigen Abend mit dem Messer in das Hemd seines ausersehenen Opfers geschnitten hatte.