Doch mit den Minen haben wir es jetzt nicht zu thun; wir sind auf der Plaza von San Francisco, und die Dämmerung ist blitzesschnell hereingebrochen über das Land, wie die Sonne kaum hinter der niederen „coast range“ verschwunden und in das Meer getaucht war, um Indien seinen Morgen zu bringen. Aber welch’ reges Leben beginnt da plötzlich in den gewaltigen Gebäuden, die Kearneystreet mit der Plaza abschneiden? — Weit öffnen sich die mächtigen Flügelthüren, und von einer Masse Astrallampen blendend hell erleuchtet, schwimmt und glüht darin ein Meer von Licht, dem die Menschenmenge fluthend entgegenströmt.

Rechts und links liegen ähnliche Gebäude, aus Backsteinen aufgebaut und mit eisernen Balkonen und Fensterladen, dem nächsten Feuer, das diese Reihen nun schon dreimal in Asche gelegt, trotzig und mit Erfolg die Stirn bieten zu können. Aus allen quillt ein Strom von Licht; aus allen tönt wilde rauschende Musik, in allen wogen dichte Schwärme von Menschen herüber und hinüber, und die Wahl wird dem Schauenden schwer, welches zu betreten. Aber das prachtvollste und großartigste ist jenes dort, über dessen Eingang mit großen goldblitzenden Buchstaben der Name El Dorado prangt, und noch unentschlossen, ob wir uns in die „Höhle des Löwen“ wagen sollen, läßt uns, die Schwelle einmal betreten, die Neugier nicht mehr zurück, und die nächsten Minuten führen den Neuling, förmlich trunken von Allem was er sieht, in die Mitte des Raumes, ehe er sich dessen selber klar und bewußt ist.

Ein ungeheurer Saal, dessen Decke von zwei Reihen weiß lackirter Säulen getragen wird, breitet sich um uns aus; überall hängen Astrallampen und geben dem Raum fast Tageshelle, und die Wände sind mit üppigen Gemälden geschmückt. Nackende schlafende Frauen zeigen sich dort; badende Nymphen und bacchantische Mädchengestalten; bunte Bilder, die Sinne zu reizen, und darauf berechnet, mit der rauschenden Musik Schaulustige hereinzulocken. Einmal dann im Innern, mögen die goldbeladenen Tische das Ihrige thun, die Fremden zu halten. Die Masse, die hereindrängt, achtet auch wahrlich im Anfang nicht auf die Tische, die einzeln zerstreut und nur immer weit genug von einander entfernt sind, um einer Anzahl Menschen zu gestatten, zwischen ihnen zu stehen oder zu sitzen, und zugleich einen Gang für die Auf- und Abwandernden zu lassen. Zu viel des Neuen bietet sich außer dem Spiel, und die Sinne müssen das erst erfassen und verdauen, ehe sie sich mit Andacht dem Spiele selber zuwenden können.

Rechts im Saal, hinter dem langen Ladentisch, steht ein Mädchen, ein wirklich lebendiges, junges, recht hübsches und anständig aussehendes Mädchen in schwarzem, enganschließenden Seidenkleid, die zarten weißen Finger mit Ringen bedeckt, dort Thee, Kaffee und Chocolade auszuschenken, wie Kuchen, Confekt und Candy oder andere Näschereien zu verkaufen, während in der anderen Ecke des Saales, hinter einem entsprechenden Tisch ein Mann angestellt ist, Weine und Spirituosen zu verabreichen.

An dem Thee- oder Kuchentisch lehnen aber vier oder fünf lange, ungeschlachte Gestalten und schmachten nach der jungen Dame hinüber, gießen eine Tasse Thee à ¼ Dollar nach der andern hinunter, um eine passende Entschuldigung zu haben dort zu bleiben, und verderben sich den Magen aus eben dem Grunde an dem süßen Gebäck und den Näschereien, die sie in Gedanken verzehren.

Ein Trupp von Hinterwäldlern steht ein Paar Schritt zurück von dem Tisch, hartnäckig den Weg versperrend, und, allerdings auf billigere Art, den Genuß mit den Schmachtenden theilend. Es sind meist derbe, kräftige Gestalten, in ihre selbstgewebten Stoffe gekleidet, die hier in stummem Staunen all’ das Neue, nie Gesehene anstarren. Sie kommen aber auch direkt aus dem Wald. Im fernen Westen der Vereinigten Staaten erzogen, trieb sie der Ruf nach Californien durch die weiten Steppen und über die Felsengebirge. So erreichten sie die Minen, fanden dort im Walde, außer dem Golde, nichts Anderes, als was sie von Jugend auf gekannt: Bäume und Berge, Thäler und Quellen, ein Rindendach zum Schlafen und Wild zum Schießen, und erst, nachdem sie sich etwas verdient, oder auch das Leben voll harter Arbeit in den Bergen satt hatten, stiegen sie in’s Thal hinab, um die berühmte Stadt San Francisco zu besuchen. Daß sie hier staunten, darf ihnen nicht verdacht werden; staunte ja doch der Europäer, der, an großstädtisches Leben gewohnt, kaum etwas Unerwartetes hier zu finden glaubte, und sich jetzt plötzlich mitten in einem Treiben sah, das die tollste, überspannteste Phantasie nicht toller, nicht überspannter sich hätte ausmalen können.

Aber um das Mädchen drehte sich nach und nach der ganze Saal. Wenn auch schon einmal gesehen, sie Alle kehrten noch einmal hierher zurück, und Wenige verlassen den Platz wieder, ohne nicht wenigstens ihren Viertel Dollar für irgend etwas Genießbares oder Ungenießbares da zurückgelassen zu haben. Wäre es auch nur, die Paar Worte mit ihr zu reden die sie sprechen mußte, ihnen den Preis der Waare zu sagen.

Und weshalb? das Mädchen hatte ein recht liebes, freundliches Gesicht und war hübsch gewachsen, sonst aber keinesweges eine besondere Schönheit, und wir brauchen in anderen Städten keine Straße entlang zu gehen, in der wir nicht drei oder vier ebenso hübschen oder hübscheren begegneten, aber — es war ein weibliches Wesen, mit all der sorgfältigen Sauberkeit gekleidet und ausgestattet, wie sie dieselben wohl zu Hause — aber seitdem nicht wieder — gesehen hatten. In ganz San Francisco existirten in jener Zeit nur erst sehr wenig ordentliche Frauen, und diese kamen selten oder nie auf die Straße; die Schiffe brachten fast gar keine, und durch die Prärien kamen nur sehr wenige. Es war ein Staat von Männern, rauh und kräftig, wüst und verwildert, — Männer, meist alle mit den geladenen Waffen in den Taschen, oder im Gürtel unter Jagdhemd und Rock, die sich viele lange Monate in Wald und Wildniß herumgeschlagen nur mit ihres Gleichen, und die nun nach langem mühseligen Marsche, nach schwerer Arbeit in den Bergen, nach Kämpfen vielleicht mit den gereizten Eingeborenen, oder auch nach langer monotoner Seefahrt, zum ersten Mal wieder ein freundliches Mädchengesicht in einem reich eingerichteten, hell erleuchteten Hause — hinter Geschirr und Tassen sahen. Kein Wunder, daß sie eine Weile dabei stehen blieben, um sich satt zu schauen an den freundlichen und doch so dunklen Augen, und dann vielleicht seufzend weiter gingen. Sie seufzten nicht des fremden Mädchens wegen, das da aufgeputzt hinter dem Laden- oder Schenktisch stand, sondern die eigene Heimath, Alles, was sie dort zurückgelassen, fiel ihnen dabei ein, und um das Gefühl wieder abzuschütteln, wandten sie sich zu den Bildern oder Spieltischen.

Die Bilder waren aber das beste Mittel gegen jedes derartige wehmüthige Gefühl — das junge Mädchen in fast unmittelbarer Nähe mit den frivolen, ja halb obscönen Gemälden, zerstörte jeden derartigen Zauber. Die in stiller Anschauung bis dahin Versunkenen wandten sich kopfschüttelnd ab, Anderen Raum zu geben — und die junge Dame goß Thee auf die Anbetung.

Aber halt, was ist das? — um jenen Tisch dort drängen sich die Spieler oder Neugierigen — dort wird wahrscheinlich hoch gespielt, und wer noch einen Platz bekommen kann, sei es auch nur um auf den Zehen zu stehen und über die Glücklicheren weg zu schauen, der preßt hinan, einen Blick von dem zu gewinnen was da vorgeht.