»Dann schicken Sie Jemanden hinauf, ich ließe sie bitten, in das Frühstückszimmer zu kommen. Es sind doch Gedecke genug aufgelegt?«
»Ja, mein bester Herr Baron,« sagte der Verwalter etwas verlegen, »das ließe sich wohl gleich besorgen, aber – die Sache hat einen Haken. Sie – kennen die Hausordnung auf Schloß Wendelsheim noch nicht. Das gnädige Fräulein ißt weder mit mir, noch mit der Kathinka an einem Tisch, und als das der alte Herr Baron einmal einführen wollte, hat es einen Hauptspectakel gegeben. Ich möchte doch nicht die Ursache sein, daß es gleich am ersten Tage zu Zank und Unfrieden käme – der wird so nicht ausbleiben,« setzte er leise hinzu.
»Haben Sie keine Furcht, Wunting,« nickte ihm Fritz zu, »mein gnädiges Fräulein Tante soll, was das Frühstück betrifft, nicht in ihren Gefühlen verletzt und auch kein Zank und Unfrieden hervorgerufen werden. Erfüllen Sie nur meine Bitte und besorgen mir Alles nach der angegebenen Art; das Andere überlassen Sie mir.«
Damit stieg er langsam, Witte unter den Arm fassend, die Treppe hinauf, betrat aber das ihm bezeichnete Frühstückszimmer noch nicht, sondern zuerst den großen Saal, von dessen Balcon aus er den ganzen Hof und einen großen Theil des Parkes übersehen konnte. Und das Alles war jetzt sein – sein Eigenthum, sein Erbe von Eltern her, die er nie gekannt, oder, wenn gekannt, nur scheu und fremd betrachtet, an deren Herzen er nie gelegen, nie ein freundliches Wort nur von ihnen vernommen hatte. Es war ihm recht weich und weh zu Sinn – und doch auch wieder so wohl, so glücklich, daß er hätte weinen mögen, aber zugleich aufjubeln vor Lust und Seligkeit.
Witte betrachtete sich indeß die Bilder an den Wänden und das ganze alte, außerordentlich reiche, aber verwitterte und verblichene Ameublement, das genau so aussah, als ob es einer Ritterfamilie gehört und ein paar Jahrhunderte unbenutzt hinter verschlossenen Thüren und verhangenen Fenstern gestanden habe, bis der Verwalter sie hier aufsuchte und meldete, es sei Alles bereit, Fräulein Kathinka fürchte sich aber, in das Zimmer zu gehen, bis der Herr Baron mitkäme.
Ein leichtes Lächeln flog über das Antlitz des jungen Mannes und er sagte freundlich: »So kommen Sie, Staatsanwalt, kommen Sie, lieber Wunting, denn ich muß Ihnen gestehen, daß ich hungrig geworden bin, und der Champagner darf ebenfalls nicht kalt werden.«
Und damit eilte er leichten Schrittes hinaus über den Gang, auf dem Kathinka harrend am Fenster stand. Aber er redete sie nicht an, nur einen lächelnden Wink gab er ihr, und betrat jetzt, von den Uebrigen gefolgt, das Frühstückszimmer, in dem ihn seine Tante, in eine schwerseidene, violettblaue Robe gekleidet, stehend erwartete. Wie sie ihn sah, ging sie auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte:
»Erlaube mir, Fritz, Dich auf Schloß Wendelsheim willkommen zu heißen! Ein wunderliches Geschick hat Dich so lange davon fern gehalten, und jetzt – nun, nimmst Du meine Hand nicht?« rief sie, ihn erstaunt ansehend. »Ist das Dein erster Gruß auf unserem alten Stammsitz?«
»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Fritz kalt und fest, »was Sie thun konnten, um sich diesen »ersten Gruß« zu ersparen, haben Sie redlich gethan. Gott hat es anders gewollt, und ich bin in die Mauern, aus denen ich heimlich und in einen Mantel gewickelt in stürmischer Nacht nicht verbannt, nein, verstoßen wurde, bei hellem Sonnenschein zurückgekehrt; aber nicht mehr als Kind, sondern als Mann und Herr – von jetzt ab keine Gemeinschaft mehr zwischen Ihnen und mir!«
»Fritz,« rief das gnädige Fräulein erschreckt, denn bis zu diesem Augenblick hatte sie noch gehofft, ihre Autorität im Schlosse nicht ganz zu verlieren, »und glaubst auch Du jenen faulen Zungen, die mich verdächtigten?«