10.
Bruno.

Staatsanwalt Witte hatte auf den nächsten Morgen Bruno Baumann bitten lassen, zu ihm zu kommen und einiges Geschäftliche mit ihm zu regeln. Es war nöthig, daß er die verschiedenen eingelaufenen Rechnungen wenigstens durchsah, um so viel als möglich eine Uebervortheilung von Seiten der Gläubiger zu vermeiden.

Bruno kam zur bestimmten Zeit und sah in Witte's Hinterstübchen die eingelaufenen Papiere durch, die sich allerdings auf eine ziemlich bedeutende Summe beliefen, aber dennoch die Ziffer noch lange nicht erreichten, die der Staatsanwalt erwartet oder vielmehr gefürchtet hatte.

Bruno war natürlich in einer sehr gedrückten Stimmung, aber doch ernst und gefaßt, und Witte wirklich von der Resignation gerührt, mit der er Alles über sich ergehen ließ.

»Mein lieber junger Freund,« sagte er auch endlich, als sich jener mit einem kaum unterdrückten Seufzer von seinem Stuhl erhob und die Papiere zurückschob, »lassen Sie den Kopf nicht sinken. Es hat Sie allerdings in der Täuschung aller Ihrer Erwartungen ein harter Schlag getroffen, aber er ist doch nicht so schlimm, als Sie vielleicht jetzt glauben mögen. Daß Friedrich von Wendelsheim alle die Schulden bezahlt, welche sein Vater oder Sie auf den Namen gemacht haben, ist eine Sache, die sich von selbst versteht; denn wäre er an Ihrer Stelle gewesen, so hätte er ebenfalls Schulden machen müssen und – mit einer andern Erziehung – möglicher Weise noch ganz anders gewirthschaftet. Er fühlt aber auch, daß Sie, und noch dazu ganz unverschuldeter Weise, in einem Alter in das Leben hinausgeworfen werden, wo man nicht mehr anfangen kann zu lernen, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und hat mich deshalb gestern beauftragt, Ihnen ein Capital von dreißigtausend Thalern auszahlen zu lassen, das Sie also jeder Sorge für Ihre künftige Existenz überhebt und Sie vollkommen frei und unabhängig in die Welt stellt. Sie können jeden Augenblick darüber verfügen.«

Bruno war feuerroth bei dem Anerbieten geworden, und er bedurfte einiger Zeit, ehe er etwas erwiedern konnte. Endlich sagte er leise: »Herr Staatsanwalt, der Erbe von Wendelsheim ist ein Ehrenmann, und sagen Sie ihm für sein großmüthiges Anerbieten meinen herzlichsten Dank – wie ich auch Ihnen für die freundliche und zarte Weise danke, mit der Sie es mir mitgetheilt – aber ich kann es nicht annehmen.«

»Den Henker auch,« rief Witte ordentlich erschreckt, »dreißigtausend Thaler wirft man doch bei Gott nicht mit einer Handbewegung aus dem Fenster!«

»Hören Sie mich ruhig an,« sagte Bruno. »Dafür schon, daß er die Schulden bezahlt, die ich, ohne es zu wissen, auf einen fremden Namen gemacht, bin ich ihm dankbar, und nehme das mit Freuden an, weil ich weiß, daß ich an seiner Stelle ebenso gehandelt hätte. Ich muß es auch – nicht meinetwegen, sondern der armen Leute wegen, die ihr Vertrauen auf den alten Namen nicht so theuer bezahlen dürfen. Dadurch zahlt er es theilweise für sich selber ab – weiter darf es nicht gehen. Ich kann kein Almosen von einem Fremden nehmen.«

»Das sind die unglückseligen, überspannten Vorurtheile von Ehre, die Ihnen noch aus Ihrem früheren Stande ankleben!« rief der Staatsanwalt.

»Wollte Gott,« sagte Bruno, »jener Stand hätte keine schlimmeren Vorurtheile, wie Sie es nennen, als das innige Gefühl für seine Ehre – es wäre dann Manches besser.«