»Aber wir haben ja heute Mittwoch, Mama,« lachte das Kind, das sich rasch wieder beruhigt hatte; »weißt Du denn das nicht?«
»Ja so, Du hast recht; nun gut, Else, dann geh' einen Augenblick in das Gärtchen, Kind, und sieh zu, ob Du für Mutter noch ein Veilchen finden kannst. Du darfst auch in dem Sande spielen, den der Mann gestern gebracht hat, und baue Dir wieder solch' einen kleinen Hof darin, wie gestern Abend.«
»Ei, das ist prächtig!« rief die Kleine jubelnd aus und sprang hinaus, um von der willkommenen Erlaubniß Gebrauch zu machen.
Baumann aber betrachtete indessen kopfschüttelnd seine Frau, denn so ernst und feierlich war sie ihm noch nie in seinem Leben vorgekommen. Es mußte etwas ganz Ungewöhnliches sein, daß sie so ergriffen hatte.
Aber die Frau ließ ihn auch nicht lange mehr auf die Erklärung ihres sonderbaren Wesens warten. Sie folgte dem Kinde mit den Augen, so lange sie es sehen konnte; kaum aber war es durch die in den Hof führende Thür verschwunden, als sie den Mann an der Hand ergriff und mit sich in das kleine Zimmer neben der Werkstatt führte.
Dort schüttete sie ihm ihr ganzes Herz aus; dort sagte sie ihm Alles, Alles, was sie dem Staatsanwalt gebeichtet, nur noch ausführlicher, noch klarer, noch mehr auf ihre eigenen Gefühle eingehend, aber nichts verschweigend oder mildernd, voll so, wie sie das Gewicht ihres Vergehens die langen Jahre niedergedrückt. Dort hing sie schluchzend an seinem Halse, dort lag sie vor ihm auf den Knieen und preßte ihr Haupt an seine Brust.
Und Baumann saß vor ihr, bleich und starr, als ob er aus Stein gehauen wäre, beide Hände fest geballt auf die Lehne des Stuhles, und nur das Zucken in seinem Antlitz, die kalten Schweißtropfen auf seiner Stirn zeugten davon, daß er lebe. Er erwiederte ihr auch kein Wort, keine Liebkosung; er richtete keine Frage an sie, beantwortete keine. Wie in einem Starrkrampf hielt ihn das Furchtbare, das er eben vernommen, gefangen, und als die Frau endlich still weinend aus dem Zimmer schlich, folgte er ihr nicht einmal mit dem Blick, sondern hielt das Auge fest und unbeweglich, wie er die ganze Zeit gesessen, auf die Stubenecke geheftet.
So fand ihn Witte, als er fast zwei Stunden später das Haus betrat, nach dem Meister fragte und in die Stube gewiesen wurde; und er allein konnte sich denken, was vorgegangen war, was den sonst so starken, energischen Mann so vollständig gebrochen, so vernichtet haben mochte.
»Baumann,« sagte deshalb der Staatsanwalt freundlich, indem er die Thür wieder hinter sich zudrückte, dann auf ihn zuging und ihm die Hand auf die Schulter legte, »Ihre Frau war heute bei mir und hat mir Alles gestanden; ich begreife, daß Sie die Nachricht erschüttern mußte – es ist schlimm, aber doch nicht so schlimm, um gleich zu verzweifeln. Es kann noch Alles gut werden – die Sache ist in redlichen Händen; was ich für Sie thun kann, soll geschehen. Sie dürfen sich darauf verlassen.«
Der Mann antwortete ihm nicht, regte sich nicht oder gab auch nur das geringste Zeichen, daß er gehört hätte, es habe Jemand mit ihm gesprochen oder sei Jemand bei ihm. Witte betrachtete ihn kopfschüttelnd. Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß der rauhe Handwerker so furchtbar von der Entdeckung ergriffen werden konnte, und doch saß er jetzt vor ihm wie ein Bild des starren, unbeweglichen Schmerzes, regungslos, nur mit schwer athmender Brust und zuckenden Lippen.