»Baumann,« begann Witte von Neuem mit freundlicher Stimme, »nehmen Sie sich die Sache nicht so zu Herzen. Ihre Frau hat gefehlt, ja, aber sie hat es aus freilich verkehrter Liebe zu ihrem Kind, und dann auch noch mehr überredet, als aus freiem Willen gethan. Jenes nichtsnutzige Geschöpf, die Heßberger, hat sie dazu getrieben. Und bedenken Sie, was sie die langen Jahre dafür an Angst und Reue über das Geschehene ausgestanden! Es liegt ja auch vielleicht den Gesetzen gegenüber noch nicht einmal ein Verbrechen vor, da sie es selber eingestanden, ehe ihr eigener Sohn den Nutzen der Täuschung ernten konnte. Wer weiß, ob ihr nur irgend eine Strafe auferlegt wird, wenn wir den Beweis führen können, daß sie in ihrem damaligen hülflosen Zustande wohl mehr gezwungen, als aus freiem, selbstständigem Willen, die Hand zu der Täuschung geboten hat. Wenn wir der Sache auf den Grund sehen, finden wir vielleicht noch Manches, das die That nicht so schwarz erscheinen läßt, als sie Ihnen vielleicht im ersten Augenblicke vorkam.«
Baumann rührte sich nicht. Wie er bisher gesessen, saß er noch, und eben so starr hing sein Blick an der Stubenecke, als vorher. Der Staatsanwalt kam wirklich in Verlegenheit, denn er war nicht einmal fest überzeugt, daß der Schlossermeister nur gehört, was er zu ihm gesagt.
»Lieber Baumann,« bat er endlich, »hören Sie mich nicht? Ich bin hieher gekommen, um Sie zu beruhigen; Sie sollen wissen, daß Sie noch einen Freund in der Stadt haben.«
Dem alten Schlossermeister tropften die großen, schweren Thränen aus den Augen, und als Witte jetzt seine Hand faßte, fühlte er den kräftigen Druck des Mannes.
»Was muß die Welt von mir denken,« hauchte er endlich mit vollkommen lautloser Stimme, »was muß die Welt von mir denken! Und wenn sie mich in's Zuchthaus stecken, hab' ich es nicht verdient?«
»Aber lieber, bester Baumann,« rief der Staatsanwalt, froh, nur erst einmal ein Lebenszeichen von ihm zu hören, denn das frühere starre Schweigen hatte ihn wirklich geängstigt – »was machen Sie sich für tolle, nutzlos tolle Gedanken! Glauben Sie, daß irgend ein Mensch in der Stadt Ihnen auch nur einen Gran von Schuld beimessen wird?«
»Und meine Frau, mit der ich die langen, langen Jahre glücklich gelebt – die ich auf den Händen getragen und geliebt und verehrt – Alles, Alles vorbei – Alles vorbei! Was hab' ich denn gethan, daß ich so hart gestraft werden mußte?«
»Es ist noch nicht vorbei, Baumann,« suchte ihn der Staatsanwalt zu trösten, »es ist noch lange nicht vorbei, und danken Sie Gott, daß Ihre Frau sich noch in der letzten Stunde ein Herz gefaßt hat, um ihr Vergehen zu bekennen und es dadurch wieder, so weit es wenigstens in ihren Kräften stand, gut zu machen. Wer kann sagen, wie sich noch Alles zum Besten gestaltet? Ihr ganzes bisheriges Leben muß auch für sie sprechen und sie entschuldigen oder dem Richter doch wenigstens beweisen, daß er es, so weit es nämlich Ihre Frau betrifft, mit keinem Verbrechen zu thun hat. Hoffen Sie das Beste, und meine Hülfe, mein Beistand sind Ihnen dabei gewiß.«
»Ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt,« sagte Baumann, indem er sich mit der breiten, hornigen Hand über die Stirn fuhr – es war die erste Bewegung, die er machte – »ich danke Ihnen von Herzen! Ich fühle, daß Sie es gut mit mir meinen – aber es hilft Ihnen nichts. Vor den Gerichten könnten Sie die Frau vielleicht frei bringen, vor meinem eigenen Gewissen nicht. Sie hat es gethan, und wenn sie es nicht gethan hat, sie hat geduldet, daß es geschah, und mir, ihrem Manne, dem sie gelobt, kein Geheimniß vor ihm zu haben, die langen, endlosen Jahre das Furchtbare verschwiegen, daß sie ihm sein eigenes Kind verkauft!«
»Aber, Meister Baumann!«