Fritz kannte den Vater zu gut, um nicht zu wissen, daß er recht hatte. In solcher Zeit war es am besten, ihn allein zu lassen; sein ruhiger Verstand und sein gutes Herz arbeiteten sich dann vielleicht wieder an die Oberfläche; wurde aber von außen gestört, so loderte der heimlich genährte Aerger auch oft lichterloh empor, und man verdarb jedenfalls weit mehr, als man nützte. Sobald Bruno deshalb die Werkstatt wieder betrat, nahm er ihn unter den Arm und führte ihn der Thür zu.
»Wir kommen wieder, Vater!« rief er dem Alten zu, »Bruno hat noch Einiges zu besorgen, und ich auch – auf Wiedersehen – Adieu, Karl!« Ein Wink für Bruno, und dieser folgte ihm vor die Thür, wo ihm Fritz die Ursache ihres raschen Abschieds mit wenigen Worten erklärte. »Und wo willst Du jetzt hin?«
»Den schwersten Gang von allen thun,« sagte Bruno leise. »Aber frage mich nicht, wenigstens nicht jetzt – morgen sollst Du Alles wissen, morgen seh' ich Dich auch noch, um Abschied von Dir zu nehmen. Du kommst doch in die Stadt? Ich möchte Wendelsheim nicht wieder betreten...«
»Gewiß – und Du willst wirklich fort?«
»Ich muß. Glaubst Du, daß ich es hier ertragen könnte, zu leben, wo ich jede Stunde einem früheren Kameraden begegnen und dann die kalten oder gar höhnischen Blicke ansehen müßte? Nein – nur über dem Meer drüben giebt es noch eine Heilung für mich. Und jetzt lebe wohl, denn den Weg, den ich heute zu gehen habe, muß ich allein gehen.«
Er hatte sich von dem Arm des jungen Mannes losgemacht und schritt langsam und schweren Herzens die Straße nieder. Aber es mußte sein, und er sich jetzt, wie er von Stand und Reichthum losgerissen worden, auch noch von dem Letzten losreißen, was ihm geblieben – von seiner Liebe.
Seine Bahn war schnurstracks dem Hause Salomon's zu, das er jetzt seit Wochen, seit er das Furchtbare erfahren, nicht mehr betreten. Er mußte noch einmal dorthin, um Abschied zu nehmen, um Rebekka ihr Wort zurückzugeben. Ja, einmal hatte er mit Stolz geglaubt, die Geliebte zu sich emporheben, sie mit Rang und Glanz umgeben zu können und keck dabei den Vorurtheilen seines Standes zu trotzen – das war vorbei. Er, der arme, pfenniglose Wanderer, der Sohn eines armen Handwerkers, konnte nicht mehr um die Tochter des reichen Juden freien, ja, Salomon selber würde sich geweigert haben, sie ihm zu geben und sein Kind mit ihm in die Fremde hinausziehen zu lassen. Also vorwärts! Mit seinem Entschluß war er im Reinen, und jetzt galt es ja nur, dem Schweren noch das Schwerste beizufügen; dann war Alles überstanden.
Wie in einem Traum schritt er aber heute durch die Judengasse, wie in einem wüsten, bösen Traum; er hob die Augen nicht vom Boden, und nur das Summen, Schreien und Toben, das Lachen und Kreischen der Kinder hörte er, als er hindurchschritt, wie aus weiter Ferne.
Jetzt hatte er Salomon's Laden erreicht und sah zu seinem Erstaunen den Alten emsig beschäftigt, einen Theil seiner Sachen zu ordnen, einen andern einzupacken, und viele Kisten standen schon theils zugenagelt, theils noch offen in dem Raum umher. Der alte Mann war auch nicht allein; seit jenem Mordanfall hatte er den dunkeln Laden nie wieder allein betreten und immer zwei Leute bei sich, damit, wenn er Einen fortschicken mußte, wenigstens Einer bei ihm blieb. Diese halfen ihm jetzt auch beim Packen. Kaum aber hörte er einen fremden Schritt und erkannte, sich danach umdrehend, Bruno, als er, erschreckt emporfahrend, ausrief:
»Gott der Gerechte, der Herr Baron! Ist er doch endlich gekommen, und wie ist mir geworden die Zeit so lang in der langen Weile!«