»War nicht eben der alte Baumann bei Dir?«
»Ja, mein Schatz.«
»Sich scheiden lassen von seiner Frau,« lautete die kurze Antwort.
»Von seiner Frau – wegen der Geschichte?«
»Allerdings.«
»Da hat er recht,« sagte die Frau Staatsanwalt mit Emphase, »das verdient sie nicht besser!«
»So?« sagte Witte und blickte Ottilie, die mit einer Arbeit beschäftigt am Fenster saß, scharf an. Das Mädchen sah abgehärmt und niedergeschlagen aus; aber desto mehr blühte dafür die Mutter und hatte sich mit Bändern, Schleifen und Locken ordentlich herausgeputzt. »So?« wiederholte Witte noch einmal. »Und was hat die Frau denn eigentlich gethan, wenn ich fragen darf?«
»Was sie gethan hat?« rief im höchsten Erstaunen und sich rasch nach ihm umwendend die Frau Staatsanwalt. »Nun, das nehme mir aber kein Mensch übel – und das fragst Du mich? Weiß nicht die ganze Stadt, daß sie ihr eigenes Kind hergegeben hat, um es vornehm und adelig zu machen, und hätte sie für eine solche Unnatürlichkeit nicht eigentlich das Zuchthaus verdient?«
»Und was hast Du gethan, Therese?« sagte Witte, indem er ihr recht ernst und fast wehmüthig in's Auge sah. »Hast Du Dein Kind nicht auch hergeben wollen, um es recht vornehm und adelig zu machen?«