»Aber Ihre Frau hat auch viel, recht viel ausgestanden die langen Jahre hindurch,« sagte Witte, »und eigentlich Strafe genug für ihr Vergehen erlitten. Wenn sie nun auch das letzte Kind hergeben soll...«
»Und wollen Sie, daß ich die Strafe dafür erleide?« beharrte der Mann. »Das Kind ist mein ganzes Leben; wenn ich den ganzen Tag schwer und hart gearbeitet habe, ist es meine einzige Erholung, daß ich die Kleine auf den Schooß nehme und mir von ihr vorplaudern lasse. Wenn ich das entbehren müßte, würd' ich verrückt – und die Else selbst, sie freut sich den ganzen Tag auf die Zeit.«
»Ja, liebe Frau,« sagte Witte, »wenn das Kind so an dem Vater hängt, würde ich Ihnen selber rathen, es ihm zu überlassen. Sie sind ja dann auch jeder Sorge für dasselbe überhoben, und ich weiß außerdem gar nicht, wie Sie es sich hier einrichten wollten, wenn Sie wieder in Dienst gehen, denn Sie müßten doch die Kleine in der Zeit sich selber überlassen.«
»Sie braucht nicht in Dienst zu gehen,« sagte finster der Mann, »sie hat so viel, daß sie davon, mit ein bischen Arbeit nebenbei, leben kann; und ich möchte auch nicht, daß sie wieder in Dienst ginge. Es paßt nicht, und sie – würde sich auch nicht glücklich darin fühlen.«
»Glücklich,« seufzte die Frau leise.
»Ja, Leutchen, damit kommen wir nicht zum Ziel,« sagte der Staatsanwalt, dem die arme Frau von Herzen leid that, der aber auch den Schlossermeister viel zu genau kannte, um ihm direct zu widersprechen; er hätte dadurch jedenfalls viel mehr verdorben, als gut gemacht. »Auf die Weise können wir noch eine Stunde hin und her reden und bleiben auf demselben Fleck. Ich will Euch deshalb einen Vorschlag machen. Das Kind, so jung es ist, hat doch auch eine Stimme; Sie, Baumann, behaupten, daß es mit voller Liebe an Ihnen hängt, ebenso die Mutter. Die Mutter hätte das Recht, die Kleine noch etwa ein halbes Jahr bei sich zu behalten, dann müßte sie es doch dem Vater übergeben, und wie schnell vergeht ein halbes Jahr. Wenn Ihr also meinem Rath folgen wollt, so laßt das Kind selber entscheiden, bei wem es bleiben will, bei dem Vater oder der Mutter, und der andere Theil fügt sich dann geduldig in das nicht zu Aendernde. Sind Sie damit einverstanden, Frau Baumann?«
»Ich habe kein Recht mehr, mitzusprechen,« sagte die Frau leise und mit von Thränen fast erstickter Stimme; »ich darf auch vielleicht diese letzte Hoffnung nicht einmal annehmen. Ich habe meinem Mann ein so großes und schweres Herzeleid angethan, daß ich ihm kein weiteres zufügen darf. Wenn sein Herz so an dem Kinde hängt, daß er glaubt, er wird unglücklich, wenn er es missen soll – so mag er es nehmen – jetzt nehmen – heute noch. Ich habe jede Strafe verdient und will mich geduldig fügen.«
»Nein,« rief der Mann barsch, aber mit fest auf einander gebissenen Zähnen – die Worte kamen ihm auch dabei sehr schwer aus der Kehle –, »der Staatsanwalt hat recht – so will ich das Kind nicht. Die Else soll selber entscheiden, mit wem sie gehen will – mit mir oder mit der Mutter, und wenn sie dann...« Er schluckte ein paarmal heftig und schwieg; endlich fuhr er fort: »So machen Sie's fertig, Staatsanwalt, ich halt's nicht mehr länger aus!«
»Gut; also komm einmal her, mein liebes Kind. Siehst Du, Dein Vater und Deine Mutter, die jetzt so lange zusammen gelebt und Dich beide so lieb haben, wollen sich nun trennen. Der Vater wird fort von hier ziehen und die Mutter dableiben. Sie möchten Dich beide gern haben, aber das geht doch nicht; also sollst Du jetzt sagen, ob Du, wenn beide von einander gehen, mit dem Vater ziehen oder bei der Mutter bleiben willst. Verstehst Du, was ich sage?«
»Ja,« flüsterte die Kleine, die halb erschreckt, aber die großen, klugen Augen weit geöffnet zugehört und dabei bald den Vater, bald die Mutter angesehen hatte, als ob sie zwischen beiden wähle.