»Und meine arme Mutter?«
»Sorgen Sie sich nicht um sie. Ihre Pflegemutter hat allerdings gefehlt und wird dafür gestraft werden müssen; aber stellt sich die Untersuchung so heraus, wie ich vermuthe, so wird die Strafe nicht überhart ausfallen. Nicht so günstig möchte freilich das Urtheil für den Baron lauten, der mit voller, ruhiger Ueberlegung dabei gehandelt haben muß und nur von der noch schlaueren Schustersfrau überlistet wurde.«
»So wäre Benno mein Bruder gewesen!« seufzte Fritz. »Und o, wie lieb hab' ich den Knaben gehabt, ohne es zu wissen, wie manche lange Stunde an seinem Bett gesessen und ihm in die guten, klugen Augen gesehen! Jenes arme Mädchen aber, das jetzt von dem gnädigen Fräulein so hart behandelt wird, war seine treue Pflegerin, und Benno hing mit solcher Liebe an ihr!«
Witte stand am Fenster und trommelte an den Scheiben. »Es ist eine ganz verfluchte Geschichte,« sagte er endlich, »und es wird uns nichts übrig bleiben, als den Stier bei den Hörnern zu fassen, wie man so zu sagen pflegt, und der Stier ist dieses Mal kein Anderer, als die gnädige Tante.«
»Ich habe kein Mitleiden mit ihr,« sagte Fritz.
»Ja, es ist nur das Schlimme, daß sie das auch gar nicht verlangt. Sie zeigt die Zähne, und wenn wir die Sache, wie sie jetzt steht, vor die Geschworenen bringen, deren Sitzungen in nächster Zeit beginnen, so ist es undenkbar, daß sie sich hindurchfinden.«
»Aber wäre es nicht möglich, weitere Zeugen aufzutreiben?«
»Nein; das Frauenzimmer, das damals der Frau Heßberger hülfreiche Hand geleistet hat und dessen Aussage jetzt allerdings von der größten Wichtigkeit wäre, ist, wie ich von Ihrer Mutter, der Frau Baumann, gehört habe, leider in der Zeit gestorben. Lieber Gott, es sind vierundzwanzig Jahre her, und die erst später hinzugerufene Amme des jungen Barons – die Geschichte kenn' ich genau – weiß von nichts und kann von nichts wissen, denn als sie eintraf, war die ganze Sache abgemacht.«
»Kennt der Lieutenant von Wendelsheim schon die Gefahr, die seinen Ansprüchen droht – seine wirklichen Eltern?«
»Nein – wird ihm auch eine angenehme Ueberraschung sein; aber wie bis jetzt Alles liegt, schwebt er noch nicht einmal in übergroßer Gefahr, sie zu verlieren, denn ich fürchte fast, wir fallen durch.«