Von der Frau Baumann, die der Staatsanwalt sehr still und niedergedrückt antraf, wollte er jetzt erfragen, welchen Platz ihre Schwester damals angegeben habe, um die vermeintliche Erbschaft zu erheben. Daß beide Schwestern die Zeit ihrer Abwesenheit nur in einer nicht sehr entfernten kleinen Stadt zugebracht, hatte sie ihm schon erzählt. Die Frau Baumann erinnerte sich auch, daß Berlin genannt gewesen, was der Schlossermeister ebenfalls bestätigte, denn er hatte in jener Zeit fest geglaubt, die beiden Schwestern wären dorthin gereist, aber, mit nicht dem geringsten Verdacht einer Täuschung, nicht weiter danach gefragt.

Am nächsten Morgen um acht Uhr kam der von ihm bestellte Schneider Müller, um ihm Maß zu nehmen. Er hatte schon gar nicht mehr an den Mann gedacht, der sich aber mit dem Glockenschlag einstellte. Witte schickte dann in den nächsten Laden hinüber, um sich einige Stücke Tuch herüber bringen zu lassen, und bis die eintrafen, unterhielt er sich mit dem Manne. Müller war ein geborener Mecklenburger, seine Mutter stammte aus Alburg, und nach des Vaters Tode hatte sie das Heimweh bekommen und sich hieher zurückgezogen, wo er sich dann mit der neuen Gewerbefreiheit eine Werkstatt gründete. Aber das Geschäft ging noch schlecht – er hätte gern geheirathet, um seiner alten Mutter die Sorge für die Wirthschaft abzunehmen – aber es ging nicht, er mußte es auf spätere Zeiten verschieben und sich erst etwas verdienen, ehe er daran denken konnte, denn ein »reiches« Mädchen – das heißt Eine, die an zwei- bis dreihundert Thaler im Vermögen hatte – nahm ihn ja doch nicht.

Es war die alte Geschichte, das Ankämpfen eines fleißigen, braven Mannes gegen den täglichen Bedarf. Indessen kam das Tuch, wurde bestimmt und überliefert, und der junge Schneidermeister versprach die Kleider auf den angegebenen Tag pünktlich abzuliefern. Witte wußte, daß er Wort halten würde, und wenn er hätte Tag und Nacht arbeiten sollen.

So rückte die Zeit heran, wo er auf das Criminalamt mußte. Das Verhör der Heßberger war auf zehn Uhr festgesetzt, und etwa eine Viertelstunde vor dem bestimmten Termin fand er sich oben ein. Bald darauf wurde die Frau vorgeführt, aber auf ihr ganzes Wesen schien die bisherige Haft nicht den geringsten Eindruck gemacht zu haben. Sie sah finster und verschlossen aus wie immer, und mit zusammengekniffenen Augen blickte sie die drei Männer, den Untersuchungsrichter, den Protokollanten und Witte, der seitwärts an einem Fenster stand, tückisch, aber auch verächtlich an, als ob sie sich bewußt sei, daß diese, trotz aller Kreuzfragen, nichts aus ihr herausbringen sollten, als was sie selber Willens sei, ihnen zu sagen. Wer hätte sie zwingen können! Der Untersuchungsrichter überraschte sie da einigermaßen, indem er begann:

»Heßberger, Ihr seid heute eigentlich zu keinem richtigen Verhör herbeschieden, sondern nur um Auskunft über verschiedene, minder wichtige Dinge in Hinsicht auf den verübten Diebstahl zu geben.«

Die Frau schwieg und schaute störrisch vor sich nieder; sie erwartete das Weitere.

»Was die verschiedenen, bei Euch aufgefundenen Silbersachen betrifft,« fuhr der Untersuchungsrichter fort, »so wißt Ihr, daß bei sehr vielen der Beweis Eurer eigenen Thätigkeit geliefert ist. Alles hat sich aber nicht gefunden, besonders einige Stücke, bei denen den früheren Eigenthümern viel daran liegt, sie wieder zu bekommen. Euer Mann versichert, daß nichts von Euch selber eingeschmolzen sei, und wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln; jedenfalls ist aber, wie der Beweis vorliegt, ein Theil des gestohlenen Gutes von Euch verkauft worden und Einiges davon auch wirklich wieder gefunden, Anderes natürlich verschwunden. Nun hat sich bei den Gegenständen auch ein Theil derselben als Eigenthum der Familie Wendelsheim herausgestellt. Das scheint aber nur der kleinste Theil dessen zu sein, was Ihr dort bei Seite gebracht habt, und es ist uns von derselben die Weisung zugegangen, auch nach einem sehr schweren silbernen Teller mit dem Familienwappen zu forschen, den Ihr bei Eurem letzten Besuche dort mitgenommen haben müßt, denn er ist seit der Zeit verschwunden.«

»Und wer sagt das?« fragte die Frau finster.

»Das kann Euch einerlei sein,« fuhr der Untersuchungsrichter fort; »ich sage es, und das ist genug.«

»Stellt mir den Baron gegenüber,« sagte die Alte trotzig, »und laßt ihn mich nach einem gestohlenen Stück fragen, und ich werde ihm Antwort geben – Niemandem weiter.«