»Ja wohl, der wohnt hier,« nickte die Frau, die Thür jetzt aufmachend; »bitte, wollen Sie nicht näher treten?«
»Das ist Pech!« brummte Witte leise vor sich hin und las jetzt wirklich zu seiner Ueberraschung auf einem an der Thür angehefteten Schilde die zierlich geschriebenen Worte: »Karl Müller, Schneidermeister.« Es half aber nichts, nach der Frage mußte er hineingehen und wußte auch in der ersten Verlegenheit wirklich nicht, was er anders thun sollte. Er hätte aber kein Advocat sein müssen, wenn er um irgend einen Ausweg verlegen gewesen wäre, und kaum betrat er deshalb auch die kleine, entsetzlich dumpfige Werkstätte, wo ein bleich genug aussehender junger Mann mit zwei Lehrjungen arbeitete, als er auf diesen zuging und sagte: »Ach, mein lieber Herr Müller, ich bin der Staatsanwalt Witte und suche einen Schneider Müller mit dem Vornamen Chrysostomus, kann ihn aber im ganzen Adreßkalender nicht finden. Wären Sie vielleicht im Stande, mir Aufklärung zugeben und zu sagen, wo ich ihn treffen kann?«
Der arme Schneider, dessen Gesicht sich ordentlich aufgeklärt hatte, als er, wie er glaubte, einen neuen Kunden eintreten sah, schien etwas niedergeschlagen, erwiederte aber doch, er bedauere, nicht dienen zu können. Er selber sei noch nicht so sehr lange hier ansässig und kenne keinen Chrysostomus Müller.
Witte sah sich in der Stube um; sie war unendlich sauber gehalten, aber auch unendlich ärmlich und enthielt kaum das Nothdürftigste von Möbeln. Neben dem Meister lag auch sein Vesperbrot, und in der That nicht mehr, als um was er wahrscheinlich täglich bat, sein »täglich Brot«, eine harte Kruste, ohne Butter oder andere Zuthat. Witte war schon im Begriff zu gehen, als er noch auf der Schwelle stehen blieb und sagte: »Ich bin mit dem Meister, der meine Kleider macht, nicht recht zufrieden und möchte gern einmal wechseln; haben Sie Zeit, so kommen Sie morgen früh um acht Uhr zu mir, aber nicht später, um mir Maß zu nehmen. Wenn Sie ordentlich arbeiten, bekommen Sie nicht allein einen guten Kunden, sondern ich werde Sie auch noch weiter empfehlen – hier haben Sie meine Karte.« – Und mit dem Bewußtsein, ein gutes Werk gethan zu haben, stieg er die Treppe wieder hinab.
Er hatte den Schneider aber schon vergessen, ehe er nur das Haus verließ, denn andere Dinge gingen ihm jetzt im Kopf herum: die Erbschaft der Frau Heßberger! Daß er daran auch noch gar nicht gedacht! Da war ein Anhaltspunkt, denn er zweifelte keinen Augenblick, daß die Heßberger darüber, wo sie das Geld damals erhoben, keine genügende Auskunft würde geben können, und dann nun – wenn er ein Mittel fand, die Heßberger zum Reden zu bringen – des Raths Erzählung, wenn sie auch, wie alle seine Geschichten, einfach im Sande verlief, hatte eine wahre Fülle von Ideen in ihm wachgerufen, und er brauchte Zeit, um die zu verarbeiten.
Vor allen Dingen mußte er noch eine Besprechung mit der Frau Baumann haben, und raschen Schrittes eilte er jetzt auf das Polizeigebäude zu.
6.
Auf dem Criminalamt.
Witte hatte an dem Abend eine lange Besprechung mit dem die Untersuchung führenden Justizrath und erfuhr darin Manches, was er zur Ausführung seines immer erst flüchtig und noch unklar entworfenen Plans gebrauchen konnte.
So hatte sich bei einer genaueren Nachforschung über die gestohlenen und bei Heßberger gefundenen Gegenstände ergeben, daß viele Sachen von Stellen herrührten, in welche Heßberger selber nie einen Fuß gesetzt, wo aber seine Frau desto häufiger ein- und ausgegangen war, und es stellte sich dadurch als ganz bestimmt heraus, das sie ebenfalls nicht allein die Hehlerin gemacht, sondern auch einen Theil der Kostbarkeiten selber entwendet haben mußte. Vieles war allerdings schon verkauft worden, und da der Schuhmacher ein umfangreiches Geständniß abgelegt, so kam man auch dadurch hinter einige gewerbsmäßige Hehler-Spelunken, die aufgehoben wurden. Alles hatte er aber doch nicht untergebracht und jedenfalls auf eine spätere, gelegene Zeit aufgespart. So fand sich auch unter dem gestohlenen Gut noch verschiedenes Silberzeug, welches das Wendelsheim'sche Wappen trug und ebenfalls nur von der Frau gestohlen sein konnte, und auf dieses basirte Witte einige Hoffnung, um das gnädige und allerdings leicht irritirbare Fräulein gegen die Frau aufzubringen; aber stärkere Mittel mußten freilich noch mitwirken.
Der Untersuchungsrichter gab übrigens seine Zustimmung zu Allem, drängte aber, rasch vorwärts zu gehen, um keiner der Parteien lange Zeit zur Ueberlegung zu gestatten, denn dadurch würde oft, wie er behauptete, ein nie wieder einzubringender Vortheil aus der Hand gegeben. Witte sträubte sich allerdings dagegen; er war seiner Sache viel zu wenig sicher, um nicht fürchten zu müssen, durch zu große Eile das Ganze zu überstürzen, und ging der erste Anlauf verloren, so konnten sie sich nur als geschlagen betrachten. Der Untersuchungsrichter, ein alter, sehr tüchtiger Criminalist, bestand aber auf seinem Willen, und das gnädige Fräulein von Wendelsheim wurde deshalb zu dem Zweck durch einen expressen Boten auf morgen früh halb zwölf Uhr auf das Criminalamt beschieden – ein weiterer Grund der Vorladung war natürlich nicht dabei bemerkt, der Gensdarme aber, der die Vorladung zu befördern hatte, angewiesen worden, sich zugleich eine Liste von ihr über auf Wendelsheim vermißte Silbersachen oder sonstige Gegenstände zu erbitten.