»Sonderbar, sonderbar,« sagte Witte und schüttelte in Einem fort mit dem Kopf, »man sollte es nicht für möglich halten....«

»Nicht wahr?« sagte Rath Frühbach, nicht wenig durch die Anerkennung geschmeichelt. »Ja, es passiren wirklich wunderbare Sachen auf der Welt; aber man muß nur einen Blick dafür haben. Ich sage Ihnen, da begegnete ich eines Tages dem Regierungs-Präsidenten Hesse, einem alten Freunde von mir, auf dem Markte....«

»Sie entschuldigen mich gewiß, lieber Rath, ich muß hier abbiegen,« unterbrach ihn Witte, dem eine Fluth von Gedanken durch den Kopf schoß.

»Das macht nichts,« sagte Rath Frühbach freundlich, »ich habe gar nichts zu versäumen; ich begleite Sie. Also der Präsident....«

»Aber ich biege hier gleich in das nächste Haus ab; ich habe dort Jemanden in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Sie erzählen mir die Geschichte ein ander Mal, wie?«

»Gewiß, mit dem größten Vergnügen,« sagte Frühbach; »sie ist übrigens gar nicht lang, und wenn Sie....«

»Hier ist das Haus – ich danke Ihnen, lieber Rath. Auf Wiedersehen!« Und damit ging Witte in ein vollkommen fremdes Haus, in dem er keine Menschenseele kannte, und stieg dort, nur in dem Gefühl, den sonst nicht abzuschüttelnden Rath los zu werden, und ganz in Gedanken eine Treppe nach der andern hinauf, bis er sich plötzlich unter dem Dache vor einer schmalen, mit einem Vorhängeschloß versehenen Bodenthür fand und nun nicht weiter konnte.

»Herr Du mein Gott,« sagte er hier, ordentlich erstaunt, »wo bin ich hingerathen? Die verdammten Treppen! Aber hieher ist er mir doch nicht gefolgt – jetzt kann ich nur machen, daß ich wieder hinunter komme.«

Ganz unbemerkt sollte das aber nicht geschehen; denn die Treppe war steil und unbequem zu gehen, er hatte dabei etwas Geräusch nicht vermeiden können. Wie er in der dritten Etage wieder ankam, öffnete sich eine Thür, und eine Frau fragte, den Kopf herausstreckend: »Zu wem wollen Sie?«

Witte mochte nicht sagen, daß er nur auf gut Glück hier hinaufgelaufen sei, und nach dem ersten besten Namen, der ihm einfiel, fragte er: »Können Sie mir nicht sagen, liebe Frau, ob hier der Schneider Müller wohnt?«