Unten in der Straße sah er nach der Uhr – es war noch zu früh; er hatte noch über eine halbe Stunde Zeit, ehe er den Polizei-Director sprechen konnte, denn die auf heute anberaumte Sitzung war, wie er recht gut wußte, noch nicht aus. Aber er zog es doch vor, seine Zeit lieber auf der Straße abzuwarten, als nach der letzten Erklärung die Scene mit seiner Frau zu verlängern. Er konnte ja indessen eine kleine Promenade durch die Anlagen der Stadt machen; in jetziger Tageszeit fand er wenig oder gar keine Menschen dort, und vielleicht kam er dabei auf einen guten Gedanken, die Sache, die ihm jetzt vor allen anderen am Herzen lag, in der richtigen Weise anzugreifen und zu beenden. Aber es fiel ihm nichts ein; welche Mittel er auch ersann, überall traten ihm mit eiserner Stirn die beiden Frauen – die Heßberger und das gnädige Fräulein – entgegen, und er sah keinen Ausweg aus diesem Labyrinth.
»Ah, mein lieber Staatsanwalt!« hörte er da eine Stimme, fühlte, wie sich zu gleicher Zeit ein Arm in den seinigen schob, und als er sich etwas überrascht danach umdrehte, erkannte er das dicke, gutmüthige Gesicht des Raths Frühbach, der ihm freundlich über seine Brille zunickte.
»Ah, mein lieber Rath!«
»Auch auf einem Spaziergang, lieber Freund? Ja, das ist auch meine einzige Arznei, schon meiner Verdauung wegen. Ich sage Ihnen, wenn ich mich Nachmittags recht in eine gesunde Transspiration gelaufen habe, befinde ich mich Abends noch einmal so wohl. Aber was ich gleich sagen wollte, wissen Sie nichts davon, was ist denn das für eine Geschichte? Als ich vorhin an der Polizei vorüber ging, sagte mir der eine Polizeidiener, dessen Frau einen kleinen Obstgarten hat und uns immer Obst und etwas Gemüse bringt – ich bin dadurch mit dem Mann bekannt geworden, und Sie wissen, die Polizei muß man sich immer zu Freunden halten –, daß sie eben die Baumann, die Schlossersfrau und die Schwester der Heßberger, eingesperrt und auf Numero Sicher gebracht hätten.«
»Der Polizeidiener hätte auch etwas Gescheidteres thun können, als aus der Schule zu schwatzen,« sagte Witte.
»Aber mir, bester Freund,« sagte Frühbach, »mir kann er es doch sagen; er weiß ja recht gut, daß ich mit keinem Menschen darüber rede. Jedenfalls steht das mit der Diebesgeschichte in Verbindung und die beiden Schwestern haben gemeinschaftlich gearbeitet. Das war doch ein Glück, Staatsanwalt, wie? daß ich damals gleich auf einer Haussuchung bestand und Ihnen die Vollmacht ausstellte? Wir wären der Bande sonst im Leben nicht auf die Spur gekommen.«
»Allerdings nicht, lieber Rath, allerdings nicht,« sagte Witte, der sich indessen nur auf einen Ausweg besann, um von seinem lästigen Begleiter loszukommen, denn er schwatzte nicht allein jede Unterhaltung, sondern auch die Gedanken selber todt.
»Da fällt mir dabei eine ganz ähnliche Geschichte aus Schwerin ein,« fuhr der Rath fort, der jetzt mit geblähten Segeln in seinem Elemente schwamm und noch einmal so breit und aufgedunsen zu werden schien. »Da hatten wir auch ein Dienstmädchen, eine ganz brave, ordentliche Person, wie wir glaubten, und deren Schwester kam manchmal auf Besuch zu ihr; aber es fehlte uns immer etwas, bald ein Löffel, bald eine Serviette, bald auch einmal etwas schmutzige Wäsche – meine Seele dachte aber nicht an das Mädchen oder ihre Schwester, denn es waren gar so ordentliche Personen. Mein Frauchen aber, das darin außerordentlich scharf ist – ich sage Ihnen, Staatsanwalt, die Frau würde zu einem Untersuchungsrichter passen, so genau kommt sie der Sache immer auf den Grund, und die Heßbergers hat sie schon lange in Verdacht gehabt – was wollte ich denn gleich sagen – ja, meine Frau sagte eines Tages zu mir: Du, Männi, sagt sie, der Pauline trau' ich nicht, mit der ist's nicht richtig! Nun denke ich schon 'was Anderes und sage: Ih bewahre, liebes Kind, die Pauline muß ja schon wenigstens sechsundvierzig Jahr alt sein! Aber meine Frau sagt: Ih, Gott bewahre, das mein' ich gar nicht, ich meine wegen der silbernen Löffel! Ja so! sag' ich, und nun fällt mir auch so Manches ein, das mir verdächtig vorkommen konnte. Zuerst wollte die Pauline eine kleine Erbschaft gemacht haben, und ich traute der Sache nicht, aber wir konnten ihr auch nicht beweisen, daß es nicht wahr wäre.«
»Hm,« sagte Witte und sah den Rath an.
»Und dann,« fuhr dieser fort, »steckte sie immer mit ihrer Schwester so durch. Nun hatte die Pauline eine böse Eigenschaft, das wußte ich: sie horchte. Wenn ich mich manchmal mit meiner Frau vertraulich unterhielt und von Dem und Jenem sprach, dann hatte sie immer das Ohr am Schlüsselloch. Damit dachte ich sie denn auch zu fangen, daß sie sich einmal selber verrathen sollte; und wie ihre Schwester wiederkam, rief ich sie herein, ich hätte ihr 'was zu sagen, und fragte sie dann nach einer Pauline Weber, die gar nicht existirte, und sagte ihr, daß uns die Pauline früher so bestohlen hätte, und fing nun an, etwas lauter auf die Pauline zu schimpfen, was das für ein schlechtes Frauenzimmer wäre und uns silberne Löffel und Servietten und Wäsche und was sonst noch weggenommen hätte. Auf einmal geht die Thür auf, und die Pauline stürzt herein, und ich denke, sie soll mich und meine Frau in Stücke reißen, so wüthend war sie. Wir konnten sie auch wirklich kaum beruhigen, daß wir gar nicht sie, sondern eine ganz andere Pauline gemeint hätten, denn sie drohte in Einem fort mit der Polizei. Aber es war auch ein Glück, daß ich nichts weiter gesagt hatte, denn wie sich später herausstellte, war sie's auch gar nicht gewesen, sondern eine Aufwärterin, die wir manchmal im Hause hatten und die bei einer andern Dieberei erwischt wurde und Alles eingestand.«