Der Bote brachte einen wahren Aufruhr im alten Schloß hervor, denn der Zustand dort war auf die Länge der Zeit unerträglich geworden, und Alles jubelte ja dem neuen Gebieter, den sie bei seinen seltenen Besuchen und seiner freundlichen Theilnahme für den verstorbenen jungen Herrn immer lieb gehabt, aus vollem Herzen ein Willkommen entgegen. Das ganze Dorf wurde auch augenblicklich aufgeboten, um Blumen und Büsche zu pflücken und Kränze zu winden; die Leute legten alle ihren Sonntagsstaat an, und selbst der Schulmeister ließ sich die ganze Dorfschule noch einmal frisch überwaschen und den letzten Choral repetiren, den sie neulich mitsammen durchgegangen, denn etwas Neues in der Geschwindigkeit zu lernen, wäre unmöglich gewesen. Vorposten wurden dazu mit Stangen und Tüchern daran auf die nächste Höhe beordert, um die erste nahende Extrapost, deren Postillon einen weißen Federbusch – nach Anordnung Witte's als Gala – trug, gleich durch Schwenken der Tücher anzumelden.

Der Verwalter machte außerdem den kühnen Vorschlag, ein paar alte Böller, die noch im Wagenschuppen standen, vorzuholen, zu laden und abzuschießen, wenn die Extrapost in das Thor einfahren würde. Es stellte sich nur die einzige Schwierigkeit heraus, daß kein Pulver da und die Zeit zu kurz war, um deshalb noch einmal in die Stadt zu schicken. Der alte Baron hatte allerdings, wie man recht gut wußte, Pulver oben in seinem Gewehrschrank; aber den konnte man natürlich nicht darum ersuchen, denn er ließ Niemanden vor und gab auch auf gar keine Frage oder Bitte Antwort. Der Böllergruß mußte deshalb unterbleiben.

Und jetzt war Alles fertig; weißgekleidete Jungfrauen konnten allerdings nur zwei im Dorfe aufgetrieben werden. Es fehlte nämlich an rein gewaschenen weißen Kleidern, zwei ausgenommen, die rasch geplättet werden konnten, und mit den Zweien mußte man sich denn auch begnügen, um sie zum Blumenstreuen zu verwenden. Es sieht immer besser aus, wenn das eine weißgekleidete Jungfrau verrichtet, und der Schulmeister besonders hielt es für unerläßlich.

Die Leute standen dabei in größter Spannung auf dem Hof. Die Extrapost hatte um eilf Uhr eintreffen sollen, und jetzt war es schon halb Zwölf und noch keine Spur davon zu sehen, selbst nicht von der Höhe aus. Halt! dort hob sich eine Fahnenstange, das verabredete Zeichen, daß ein Wagen in Sicht kam, wenn man ihn auch noch nicht genau unterscheiden konnte. Alles drängte gespannt dem Thor zu – jetzt ging die zweite in die Höhe – Hurrah, das sind sie! Und nun ging es an ein wahres Durcheinander, um Jeden in der Geschwindigkeit auf seinen richtigen Platz zu bringen.

Sogar ein paar Instrumente hatte man im Dorf aufgetrieben, Leute, die manchmal, um Musik zu machen, auf die Jahrmärkte zogen: eine Trompete, eine Posaune, eine Clarinette und eine Geige, und mit denen war schon unten vor dem Wirthshaus ein Tusch einexercirt worden. Unglücklicherweise hatte aber der Trompeter beim Heraufkommen sein Mundstück verloren – die alte Schraube hielt nicht fest – und die ganze Zeit in Todesangst danach gesucht. Er fand es nicht wieder, es mußte irgendwo in das Gras gefallen sein, und Posaune und Clarinette mit der Violine sollten jetzt den Tusch allein spielen.

Jetzt kam der Wagen in Sicht, voraus, was sie laufen konnten, die beiden Jungen mit den Fahnenstangen, und wie der Wagen jetzt auf ein Zeichen des Verwalters im Schritt in das Thor hineinfuhr, scheuten die Pferde, denn die Posaune platzte, da ihr die Trompete fehlte, zu früh los und die Clarinette setzte falsch ein, während die Violine mit ihrem Tusch und ihrer feinen, piependen Stimme ordentlich durchging und schon fix und fertig damit war, ehe die Posaune nur wieder ihr altes Messing eingeholt hatte.

Aber mit donnerndem Jubel brach jetzt das Hurrahgeschrei der Dorf- und Schloßbewohner aus, ein Hurrah, das aus voller Kehle und volleren Herzen laut und jubelnd herausgestoßen wurde; und die Mädchen warfen ihre Blumen den Pferden vor die Hufe, die Frauen schwenkten ihre Tücher, die Männer ihre Mützen und Hüte, und die Luft bebte ordentlich von den Jubelrufen.

Fritz saß im Wagen, die Thränen liefen ihm an den Wangen nieder – er konnte kaum danken und winken vor innerer Bewegung; aber Witte besorgte das für ihn. Er schwenkte seinen Hut nach allen Seiten, sein ganzes Gesicht strahlte vor Freude, denn nicht mit Unrecht betrachtete er dies Alles als sein eigentliches Werk; und als der Choral jetzt begann und die Schuljungen vor Angst und Rührung nicht singen konnten und der Schulmeister, aus Furcht, daß sie sich blamiren würden, allein hinausbrüllte, und dann der Trompeter plötzlich jubelnd mit dem endlich gefundenen Mundstücke zurückkam und nun den Tusch, freilich etwas verspätet, mitten in den Choral hinein schmetterte, wollte er sich rein ausschütten vor Lachen.

Der Verwalter hatte sich vorgenommen gehabt, dem jungen Herrn, wenn er aus dem Wagen stieg, eine Rede zu halten; aber es war ihm gegangen, wie dem Trompeter mit seinem Instrument, er hatte das Hauptende davon: den Anfang, verloren und blieb stecken, ehe er nur begann. So war denn wohl alles Einstudirte vergessen, aber was ihm im Herzen und auf der Zunge lag, doch nicht, und wie der junge Mann aus dem Wagen sprang, streckte er ihm die breite Hand entgegen und sagte: »Gott sei Dank, daß Sie da sind, daß Sie's sind, Gott segne Sie und Ihren Eingang!« Und das war die beste Rede, die er hätte halten können.

Fritz war froh, als er sich dem Lärm und Jubel da draußen in dem stillen Stübchen des Verwalters entziehen konnte. Er wollte noch nicht in's Schloß hinaufgehen, er mochte seiner Tante nicht begegnen, bis Alles geordnet und besprochen war.