9.
Der Erbe.
Welche Sensation das Resultat dieses Geschworenengerichts in Alburg machte, läßt sich denken; es wurde fast von nichts weiter gesprochen, und Fräulein von Wendelsheim mußte über sich das Schwerste ergehen lassen, was Bierbänke oder Kaffeetische überhaupt zu leisten im Stande sind. Es wäre für sie auch in der That nicht gerathen gewesen, sich in der nächsten Zeit wieder in Alburg zu zeigen, denn keine Polizei oder Gensdarmerie hätte sie vor Beleidigungen, ja, vielleicht persönlichen Angriffen schützen können. Allerdings brach sich bei der gebildeten Klasse bald die Ueberzeugung Bahn, daß die Geschworenen ihr Verdict kaum anders abgeben konnten, als sie es gethan; denn allerdings war durch keine einzige Aussage, als die der damals zur Wuth getriebenen Heßberger, die Schuld der Dame entschieden festgestellt. Aber Niemand zweifelte trotzdem daran, während der Handwerkerstand auf das bestimmteste behauptete, der »adelige Drachen« sei nur deshalb ungerupft davon gekommen, weil sie ein »von« vor ihrem Namen hätte und in einem großen Schlosse wohne.
Wer sich am allerwenigsten um das Ganze kümmerte und doch eigentlich das größte Interesse daran hatte, war der Erbe selber. An demselben Nachmittage verbrachte er allerdings noch wohl zwei Stunden mit dem Staatsanwalt in eifriger Unterhaltung und bei verschlossenen Thüren, erhielt auch von diesem noch an demselben Abend ein Paket Papiere ausgehändigt, mit denen er dann, den Nachtzug benutzend, in die Residenz fuhr. Er hatte aber Niemanden weiter gesprochen, keinen Besuch gemacht oder empfangen und auch in der That mit keinem Menschen sonst verkehrt.
Indessen war der Tag der Erbschaftszahlung herangerückt, und es schien fast, als ob die Herren der Commission nicht übel Lust hätten, die Auszahlung zu verzögern und den Urtheilsspruch der Geschworenen anzufechten; der Sachwalter des gnädigen Fräuleins hatte sich wenigstens die größte Mühe gegeben, um dahin zu wirken. Aber sie mochten doch wohl am Ende einsehen, daß sie nicht durchdringen würden; die Beweise waren zu klar geliefert worden, und nur auf die Vollmacht hin, die Witte in Händen hielt, weigerten sie sich, die Summe auszuzahlen. Eine Clausel des Testaments lautete, daß es der Erbe selber in Empfang nehmen müsse, was sie als »persönlich« interpretirten.
Das verzögerte die Auszahlung aber nur um einen Tag, denn am nächsten Morgen kehrte Fritz schon zurück, und zwar selig über den Erfolg seiner Reise.
Auch in der Residenz war seine Sache eifrig besprochen worden, und es hatte dadurch – da sich selbst die königliche Familie dafür interessirte – wenig Schwierigkeit für ihn, eine Audienz beim Könige zu erlangen, um dort persönlich das Gnadengesuch für seine Pflegemutter zu befürworten. Der Königin selber, die zugegen war, standen dabei die Thränen in den Augen, und als er sich endlich verabschiedete, wurde ihm die freundliche Versicherung, er solle nur ruhig zurück auf seine Besitzung reisen, seine Bitte werde Erhörung finden.
Der Telegraph beförderte auch schon vor seinem Wiedereintreffen in Alburg den Gnadenerlaß Sr. Majestät an das Criminalgericht daselbst. Seine Pflegemutter wurde an demselben Tage freigelassen, an welchem er die Stadt betrat.
Jetzt hatte er freilich genug mit sich selber und seinen Geschäften zu thun, um an etwas Anderes denken zu können. Das Capital mußte erhoben werden, und zugleich erschien eine Ankündigung des Staatsanwalts Witte, daß Alle, welche eine Forderung an die Familie Wendelsheim hätten oder zu haben glaubten, sich bei ihm in seiner Wohnung melden und die Rechnungen einreichen sollten – und wahrlich, er bekam dadurch Arbeit. An dem Tage wurde ihm bald das Haus gestürmt, weil die meisten Gläubiger schon gefürchtet oder vielmehr gar nicht erwartet hatten, daß der neue Erbe die Schulden für den Eingeschobenen bezahlen werde.
Fritz selber befaßte sich nicht damit; er bat Witte, der die Annahme und das Eintragen der Rechnungen einem seiner Schreiber übertrug, mit ihm nach Wendelsheim hinaus zu fahren, denn er fürchtete sich ordentlich davor, das alte Schloß, das von jetzt ab sein Eigenthum sein sollte, allein zu betreten. Witte war dabei ein praktischer Mann, der ihm den besten und vernünftigsten Rath über die künftige Verwaltung geben konnte.
Er hatte auch geglaubt, seinen Einzug ganz still und unbeachtet halten zu können, und sich vorgenommen, einfach in einem Miethwagen hinaus zu fahren und beim Verwalter abzusteigen, mit dem er das Meiste ja bereden mußte. Witte war indessen anderer Ansicht gewesen, und ohne ihm etwas davon zu sagen, schickte er Morgens in aller Frühe einen reitenden Boten nach Wendelsheim, der den Leuten im Schlosse das Eintreffen ihres neuen jungen Herrn melden mußte; denn er hielt es für nicht in der Ordnung, daß derselbe unbemerkt und unbeachtet wie ein Handlungsreisender das Schloß seiner Väter, aus dem er so lange unschuldig verbannt gewesen, betrete.