Der Schuhmacher Heßberger, als überführt erklärt, den Betrug seiner Frau, mit Aussicht auf Gewinn, wissentlich und böswillig gefördert und unterstützt zu haben, zu drei Jahren Arbeitshaus, ohne indessen einer andern gegen ihn eingeleiteten criminellen Untersuchung dadurch vorgreifen zu wollen.

Frau Lisbeth Müller sei zwar auch für schuldig erklärt; das hohe Justizministerium habe ihr aber schon im Voraus, unter der Bedingung, daß sie Alles reumüthig und der Wahrheit gemäß bekenne, im Falle ihrer Verurtheilung die Strafe gnädig erlassen.

Fräulein Aurelia von Wendelsheim könne eben so wohl den Gerichtshof straflos verlassen; die polizeiliche Aufsicht auf Schloß Wendelsheim werde aber so lange fortbestehen, bis der rechtmäßige Erbe, Herr Friedrich von Wendelsheim, die Besitzung – was ihm von jetzt an jeden Augenblick freistehe – übernehme.

Fräulein von Wendelsheim schien nur auf den Moment gewartet zu haben. Mit Sammet und Seide rauschte sie aus der Umfriedigung hinaus, denn nicht mit Unrecht wünschte sie den Saal früher als die übrigen Zuschauer zu verlassen, weil ihr die Stimmung derselben gegen ihre Person wohl kein Geheimniß geblieben sein konnte. Aber so ganz unbemerkt und unbegrüßt sollte sie sich doch nicht entfernen, denn Aller Augen hafteten in diesem Augenblicke auf ihr, und kaum näherte sie sich der Thür, an der ein paar Polizeidiener Wache hielten, als auch wie auf gemeinsame Verabredung ein allgemeines Zischen, Pfeifen und Stöhnen losbrach – ja, ein paar der rohesten Burschen, mit zufällig einem Apfel in der Tasche, um vielleicht den Hunger in einer zu langen Sitzung zu stillen, opferten ihr Frühstück, und ein Glück für sie, daß sie nicht mehr weit zu gehen hatte, denn kleine Dreierbrötchen, Endchen Wurst und jene Früchte fingen schon an um sie hernieder zu hageln.

Kreidebleich vor Wuth, gewann sie endlich die Thür und rauschte hinaus, um sich unten in den ihrer harrenden Wagen zu werfen und, fast außer sich vor Gift und Galle, nach Schloß Wendelsheim zurückzufahren.

Aber die Verhandlung war noch nicht ganz geschlossen, denn die Verurtheilte mußte erst erklären, ob sie sich der Strafe unterwerfen wolle, und es hatte einige Mühe, die Ruhe wieder herzustellen. Katharina Baumann aber, die jetzt wieder auf ihre Bank zurückgewankt war und dort still weinend saß, dankte dem Richter für sein mildes Urtheil; sie hätte ein weit strengeres erwartet – und vielleicht verdient.

Da trat Fritz Baumann, der jetzige Friedrich von Wendelsheim, vor. Er hatte bis dahin, die Brust von widerstreitenden Gefühlen bewegt, still und fast regungslos an seinem Platze gestanden. Jetzt schilderte er mit glühenden Worten die Liebe und Sorgfalt, mit der jene Frau, die er bis dahin für seine Mutter gehalten, seine Jugend überwacht und für ihn gesorgt und ihn geliebt habe wie ihr eigenes Kind. – »Hier steht ihr wirklicher Sohn,« fuhr er dabei bewegt fort – »laßt ihn frei bekennen, ob er in seiner Heimath, in seiner Familie solche Liebe fand, ob Alles an ihn gewandt wurde, um ihn zu einem braven, tüchtigen Mann heranzureifen! Ich hatte eine Jugend, so froh und glücklich, wie sie ein Mensch nur haben kann – ich lernte dabei arbeiten, um mir frei und unabhängig von irgend wem meinen Lebensweg zu bahnen, und das dank' ich nur diesem wackern Mann da – dieser braven Frau – dem besten Vater, der besten Mutter, die es geben kann! Und wenn deshalb meine Bitten etwas über Sie vermögen – o, so erwirken Sie Gnade für die arme Frau!«

Ein beifälliges Gemurmel lief durch den noch immer dicht gedrängten Raum, und selbst der Vorsitzende nickte ihm freundlich zu. Vor der Hand war aber natürlich in der Sache weiter nichts zu thun, denn die Gnadenbewilligung lag allein in einer höheren Hand.

Fritz wollte sich jetzt noch einmal an seinen Vater wenden; als er sich aber nach ihm umdrehte, konnte er ihn nirgends mehr bemerken. Er hatte mit seinen Söhnen, ohne Abschiedswort an ihn oder die Frau selber, den Saal verlassen und war still und düster nach Hause zurückgekehrt, Bruno ihm aber nicht gefolgt. Das Entsetzliche hatte ihn ja zu rasch erreicht, um sich so gleich und plötzlich hinein zu finden – er stand und zögerte und schien seine Umgebung fast vergessen zu haben.

Fritz ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. Er nahm sie; aber dann sich abwendend, flüsterte er: »Nur jetzt nicht, nur jetzt nicht – ich kann nicht reden, nicht denken!« und eilte rasch aus dem Saal.