»Zum Fritz hinüber, Alte, und sehen, ob er zu Hause ist, und wenn er nicht da ist, auf die Polizei; ich werde sonst verrückt, wenn ich mich mit dem Unsinn im Kopf die Nacht schlafen legen soll.«

Die Frau erwiederte nichts; stumm und schweigend stand sie mit gefalteten Händen und starrte vor sich auf den Boden nieder. Baumann aber, der nicht mit Unrecht fürchtete, daß des Schneiders Frau, wenn sie allein hier blieb, noch ein Unheil mit ihrer Zunge anrichten könne, sagte, gegen diese gewandt: »Und Sie kommen mit, Meisterin; Sie können sich ja auch auf den Tod in Ihren dünnen Kleidern erkälten, denn die Nächte werden schon frisch. Das ist jedenfalls ein leeres Geschwätz von dem Franz, und wir wollen der Sache bald auf den Grund kommen.«

»Ach Gott, ja, Meisterchen,« sagte die Frau, »Sie haben recht; mein altes Rheumatismuschen plagt mich so immer. Na, gute Nacht, Frau Baumann! Machen Sie sich nur keine Sorge – ach, Du liebes Himmelchen, mir ist der Schreck ordentlich in die Gliederchen gefahren!«

Und damit schlüpfte sie wieder wie ein Aal, und auch nicht viel breiter, zu der Thür hinaus, die der Meister für sie offenhielt.

Baumann verließ sie aber nicht, bis er sich erst fest überzeugt hatte, daß sie wirklich wieder nach Hause zurückgekehrt sei; dann erst wandte er sich und schritt zu der nicht fernen Wohnung seines Sohnes hinüber. Fritz war aber in der That noch nicht zu Hause, und jetzt wirklich beunruhigt, ging er direct auf die Polizei. Es fiel ihm allerdings nicht im Traum ein, auch nur ein Wort von dem zu glauben, was das alte Weib geschwatzt, denn daß sein Fritz keinen Menschen – noch dazu einen alten, schwachen Mann – umbringen würde, wußte er gut genug; aber er wollte sich wenigstens die Gewißheit holen, daß es eine Lüge gewesen, und dann der Schneidersfrau morgen früh schon seine Meinung sagen. Das hatte auch noch gefehlt, daß sie der Kathrine heute Abend solch einen Schreck in die Glieder jagte!

Auf der Polizei fand er nur die gerade die Wache habenden Diener der Gerechtigkeit, und er erschrak allerdings, als diese ihm bestätigten, daß der alte Jude Salomon heute Abend mit einbrechender Dunkelheit – eigentlich noch in der Dämmerung – überfallen und erschlagen sei; auch ein des Mordes verdächtiger Mann sei verhaftet worden; wie der aber hieß, konnten sie nicht sagen. Sie hatten seinen Namen nicht gehört und waren nicht da gewesen, als er eingebracht wurde.

Baumann verlangte jetzt ihn zu sehen; aber das ging natürlich nicht an. Erstlich durfte überhaupt Niemand zu ihm, bis es der Untersuchungsrichter erlaubte, und dann wäre es auch jetzt zu spät gewesen. Um zehn Uhr Nachts konnte man keinen Besuch mehr zu einem Gefangenen lassen.

Aber wenn sie sich nur wenigstens erkundigen wollten, wie er hieß und wer er sei.

Das ginge auch nicht – sie dürften hier nicht von ihrem Posten, um gleich bei der Hand zu sein, wenn etwas vorfiele, und der Gefängnißwärter schliefe schon lange. Der revidire seine Zellen regelmäßig jeden Abend um neun Uhr und läge mit dem Schlage halb zehn Uhr im Bett. Er solle morgen früh wieder vorkommen, dann könne er den Namen erfahren.

Der arme Baumann ging wie in einem Traum nach Hause. Der alte Salomon war in der Dämmerung ermordet worden, wie die Leute bestätigten, und das genau um die Zeit, in welcher Fritz bei ihm gewesen sein mußte. Daß er die That nicht verübt, verstand sich von selbst – aber welch unglückseliger Zufall hatte hier gewirkt!