Er ging noch einmal bei Fritzens Wohnung vor; doch das Haus war jetzt verschlossen, oben bei ihm aber auch kein Licht – er konnte noch nicht zurück sein – und jetzt daheim – welche Sorge würde sich wieder die Frau machen, und war das am Ende die Ahnung, die sie den ganzen Tag gequält hatte? Jedenfalls würde sie es sich einreden. Das verdammte alte Weib, daß die auch noch in der Nacht mit ihrer Hiobspost herüberkommen mußte!
Er bekam auch in der That einen schweren Stand mit seiner Frau, denn diese war so außer sich, daß sie sich selber nur immer anklagte, als ob sie an dem Allen schuld sei. Sie war furchtbar aufgeregt, und Baumann dankte seinem Gott, als er sie endlich dazu brachte, zu Bett zu gehen. Der nächste Morgen fand sie dann ruhiger und mußte ihnen ja überdies auch Gewißheit des Geschehenen bringen. Das Uebrige fand sich Alles von selber.
Der Staatsanwalt Witte war, als er Salomon's Haus verließ, noch ein Stück Weges mit seinen beiden Begleitern zusammen gegangen; dann bog er ab, seiner eigenen Wohnung zu, und schritt sehr nachdenkend und in eben nicht besonders freudiger Stimmung weiter. Es war auch in der That Manches, was ihm durch den Kopf ging, und er überlegte sich dabei hauptsächlich, ob es wohl der Mühe verlohnt hätte, daß er sich mit solchem Eifer der Sache der Frau Müller angenommen. Was ging ihn der Major oder der Rath Frühbach an und die Familie Wendelsheim? Er nickte, während er ging, immer still und nachdenkend vor sich hin; aber nicht etwa als Bestätigung eines früher gefaßten Verdachtes, sondern nur im Geist die verschiedenen übereinstimmenden Punkte der neu gemachten Entdeckung constatirend.
So erreichte er sein Haus, wo ihn die Familie zum Thee erwartete, denn mit der heutigen Expedition von Briefen war es zu spät geworden, und die Schreiber hatten auch schon lange das Büreau geschlossen und den Schlüssel drüben bei der Frau Staatsanwalt abgeliefert.
Er legte draußen Hut und Stock ab und betrat das Zimmer; aber die Frau Staatsanwalt konnte ihr Erstaunen über sein spätes Kommen nicht unterdrücken, denn es gab eigentlich kaum einen pünktlicheren Mann auf der ganzen Welt, als ihren Gatten.
»Liebes Herz,« sagte dieser auf ihre deshalb gemachte Bemerkung, »ich wäre pünktlich gekommen, wenn mich nicht ein ganz außergewöhnlicher Fall abgehalten hätte. Ich passirte ein Haus, in dem unmittelbar vorher ein Raubmord verübt worden, und mußte der Untersuchung mit beiwohnen.«
»Ein Raubmord – bei wem?« riefen beide Damen zugleich aus.
»Ihr kennt die Leute nicht, Kinder; in der Judengasse beim alten Salomon. Der Mann ist erschlagen und jedenfalls beraubt worden.«
»Das ist ja entsetzlich! Und hat man die Mörder gefaßt?«
»Man hat allerdings Jemanden gefaßt und abgeführt, aber vor der Hand nur auf einen Verdacht hin – einen Bekannten von uns, den jungen Fritz Baumann.«