»Den Fritz Baumann? Das habe ich mir gedacht,« rief die Frau Staatsanwalt, mit der rechten Hand in ihre Linke schlagend, »daß der noch einmal zu solch einem Ende kommen würde. Das war vorauszusehen, denn die Unverschämtheit, die der Mensch hat....«
»O Du großer Gott,« sagte Ottilie, »das wäre ja schrecklich – die armen Eltern!«
»Hm,« brummte der Staatsanwalt, »ich hatte mir vorgenommen, bei dem alten Baumann einzusprechen, habe es aber unterwegs schändlich vergessen. Nun, eine unangenehme Nachricht erfährt man nie zu spät.«
»Also der hat ihn todtgeschlagen?« fragte die Frau weiter, die eine grimme Genugthuung darin fühlte, den Menschen gedemüthigt und bestraft zu sehen, der es gewagt hatte, zu ihrer Tochter den Blick zu erheben.
»Liebe Therese, Du urtheilst viel zu rasch,« entgegnete Witte; »ich habe Dir gesagt, daß er nur auf einen Verdacht hin eingezogen ist, weil er dort betroffen wurde und Blut an den Kleidern hatte. Das Alles erklärt sich aber vielleicht sehr natürlich, und ich persönlich glaube auch nicht einmal an seine Schuld.«
»Der hat's gethan,« rief die Frau Staatsanwalt pathetisch, »der hat es heilig gethan, denn nun er bei uns abgefallen ist – und das wär' ihm gerade ein warmes Nest gewesen, wo er sich hätte hineinsetzen können –, trieb ihn der Ehrgeiz, rasch ein reicher Mann zu werden, um uns zu zeigen, was er könnte, und dazu war ihm kein Mittel zu schlecht; lehr' Du mich Menschen kennen!«
Ottilie schwieg. Was die Mutter sagte, hatte eine Wahrscheinlichkeit für sich, aber widerstrebte doch ihren Gefühlen, es zu glauben. Sie konnte sich nicht die Möglichkeit denken, daß der immer so schüchterne Mensch ein solches Verbrechen begehen mochte; aber im Herzen war sie jetzt doppelt froh, seine Bewerbung zurückgewiesen zu haben, und schon der Gedanke daran ihr entsetzlich.
»Höre, Therese,« sagte der Staatsanwalt mit großer Ruhe, indem er sich am Tisch niederließ und den für ihn eingeschenkten Thee nahm, »auf Deine Menschenkenntniß möchte ich doch nicht zu viel bauen. Was hältst Du zum Beispiel vom Lieutenant von Wendelsheim?«
»Das ist ein durchaus braver, solider Mensch,« sagte die Frau mit Würde, »ehrlich und rechtschaffen, und wenn der einmal käme, statt des hergelaufenen Vagabunden, und um Ottiliens Hand anhielte, mit Freuden gäbe ich meinen Segen – ein solches Vertrauen setze ich in ihn.«
»Hm – so?« sagte der Staatsanwalt, seinen Thee langsam umrührend und in die Tasse sehend.