Aber Ottilie war aufmerksam geworden: der Vater hatte noch etwas auf dem Herzen, das sah sie ihm an – hing es mit Bruno von Wendelsheim zusammen? Er ließ sie indeß nicht lange in Zweifel.

»Der Herr Lieutenant von Wendelsheim,« sagte er, »war heute Abend ebenfalls zugegen und befand sich merkwürdiger Weise, gerade während der Raubmord im Hause des alten Salomon verübt wurde, oben bei den Damen.«

»Bei welchen Damen?« sagte die Frau Staatsanwalt, hoch aufhorchend.

»Nun, bei den Damen vom Hause, der Frau und Tochter des alten Juden, und ich muß gestehen, daß ich in meinem ganzen Leben kein wirklich schöneres Mädchen gesehen habe, als diese moderne Rebekka ist.«

»Das ist nicht wahr,« sagte die Frau Staatsanwalt mit großer Bestimmtheit »und nur wieder eine von Deinen Erfindungen, um mich zu ärgern.«

»Wenn Du das so bestimmt weißt,« erwiederte Witte, »so brauchen wir auch nichts weiter darüber zu reden. Bitte, Ottilie, reiche mir doch einmal das Brot herüber.«

Der Staatsanwalt machte eine Kunstpause, denn er wußte recht gut, daß es seine Ehehälfte jetzt nicht dabei bewenden ließ; aber das so sehr bestimmt ausgesprochene »Das ist nicht wahr« hatte ihn geärgert, und er wollte sie dafür wenigstens dem Zwang einer neuen Anrede unterwerfen.

Die Frau Staatsanwalt ließ es aber ebenfalls an sich kommen, und da Ottilie natürlich keine Frage in dieser delicaten Angelegenheit wagte, so wurde eine ganze Weile nichts gehört, als das Klappern der Messer und Gabeln und das Klirren der Löffel in den Tassen. Endlich aber hielt es die Frau nicht länger aus – ihr Mann war mit seiner Schweigsamkeit in einer so wichtigen Angelegenheit gerade zum Verzweifeln. Mußte sie denn als Mutter nicht darum wissen?

»Was hatte denn aber der Herr Baron von Wendelsheim in dem Hause des Juden zu thun?« brach sie endlich das Schweigen. »Das ist doch nicht Sache des Militärs, sondern nur der Polizei.«

»Ich glaube auch nicht, daß er in militärischen Angelegenheiten dort vorgesprochen ist,« sagte Witte trocken.