»Und was wollte er sonst da? Witte, Du bist heute in einer Laune, um eine Heilige die Geduld verlieren zu machen!«
»Dann sei so gut und unterbrich mich künftig nicht, wenn ich Dir etwas erzähle, mit Deinem kategorischen »Das ist nicht wahr.« Wenn ich einmal eine Behauptung aufstelle, so kannst Du Dich auch fest darauf verlassen, daß sie wahr ist, und so sage ich Dir denn noch einmal: der Lieutenant von Wendelsheim war während der Katastrophe oben bei den Damen vom Hause, bei der Frau und Tochter des alten Salomon.«
»Aber was, um Gottes willen, hatte er dort zu thun? War er vielleicht aus Versehen in ein falsches Haus gekommen?«
»In der Judengasse? Sehr wahrscheinlich,« nickte ihr Gatte. »Uebrigens kann das nicht das erste Mal gewesen sein, daß er dort »aus Versehen« hinaufgerathen ist, denn er wußte außerordentlich gut Bescheid im Hause und leuchtete den Leuten, die sich dort nicht zurecht zu finden wußten, voran.«
»Der Baron von Wendelsheim?«
»Ist sehr intim in der Familie, die Versicherung kann ich Dir geben, Therese,« sagte der Staatsanwalt ernst, indem er ihr einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, »und Deine Menschenkenntniß hat Dich dieses Mal, was etwa andere Voraussetzungen betreffen sollte, wie mir scheint, im Stich gelassen.«
»Und ist die Tochter wirklich so schön?« fragte Ottilie, die einen recht wehen Stich im Herzen fühlte, obgleich sie sich die größte Mühe gab, gleichgültig bei der Frage auszusehen.
»Ich habe nicht übertrieben,« versetzte der Vater. »Sie war allerdings in der Angst und Aufregung des Moments todtenblaß, aber dennoch nehme ich mein Wort nicht zurück: ich habe noch nie in meinem Leben ein so vollkommen schönes und dabei in jeder Bewegung edles Wesen gesehen, als jenes Mädchen.«
»Und das wird es auch gewesen sein, was ihn dort hingeführt hat,« sagte die Mutter, aber doch unruhig auf ihrem Stuhl herumrückend; »das hübsche Gesicht hat ihn angelockt. Aber ein Baron kann doch wahrhaftig im Leben nicht daran denken, ein Judenmädchen zu heirathen.«
Witte warf ihr einen strengen Blick zu. »Liebe Frau,« sagte er mit scharfer Betonung, »sobald Du vermuthest, daß er überhaupt bewogen werden könnte, sein Ahnenschild zu vergessen, so wäre das immer nur ein Schritt weiter. Nach den Verpflichtungen aber, die er, allem Anschein nach, in jener Familie eingegangen ist, hoffe ich, daß er unser Haus nicht mehr betreten wird. Du hast mich doch verstanden, Mutter?«