Witte's Rath war nämlich streng befolgt und das Gerücht absichtlich verbreitet und unterhalten worden, der Ueberfallene, der allerdings noch immer in Lebensgefahr schwebte und selbst noch in den ersten vierundzwanzig Stunden ohne Besinnung blieb, sei seinen Wunden erlegen. In seiner eigenen Wohnung aber wurde er indessen mit der größten Liebe und Sorgfalt gepflegt; Rebekka besonders wich Tag und Nacht nicht von seinem Lager.
Die Polizei hielt allerdings die strengsten und sorgfältigsten Nachforschungen nach allen Richtungen hin, um nur irgendwo eine andere Spur zu finden, der sie folgen könne – freilich ohne das geringste Resultat. Wenn der Gefangene die That wirklich nicht vollbracht hatte – und der Untersuchungsrichter zweifelte jetzt selber daran –, so schien sich der wirkliche Thäter dem strafenden Arm der Gerechtigkeit so schlau entzogen zu haben, daß sein Auffinden von Tag zu Tag schwerer und unwahrscheinlicher wurde; denn wie rasch konnte er bei der Leichtigkeit der Verbindungen Stadt und Land verlassen, und hatte das möglicher Weise auch vielleicht schon lange gethan. Was half es, daß fortwährend zwei Polizeibeamte am Bahnhofe stationirt blieben und alle Reisenden scharf musterten – jeden ausgehenden Koffer konnte man doch nicht visitiren und am Gesichte auch nicht so leicht einem Menschen ansehen, ob er ein Verbrechen begangen habe oder nicht – es liefen sonst nicht so viele Missethäter frei umher!
Auch Rath Frühbach entwickelte in dieser Zeit eine ganz besondere, wenn auch negative Art von Thätigkeit. Er lief nämlich von Morgens früh bis Abends spät auf der Straße herum und hielt Unglückliche, denen er begegnete, von ihren Geschäften ab, indem er ihnen Criminalgeschichten aus Schwerin erzählte, die mit der jetzigen in sofern Aehnlichkeit hatten, als sie sämmtlich ohne Resultat blieben. Leider aber kam er nur selten über die Einleitung hinaus, denn er war schon in der Stadt bekannt geworden, und wer irgend konnte, wich ihm aus. Ja, unter den Händen brachen sie ihm manchmal aus und ließen ihn mitten in einer Erzählung stehen, deren Pointe er gewöhnlich selbst nicht wußte, und deren Anfang er vergessen hatte.
Dadurch wurde seine Laune aber nicht gebessert; er fing an, die Menschen in seinem Herzen des Undanks zu beschuldigen und sich ähnlicher Fälle aus Schwerin zu erinnern, und war froh, als es endlich Mittag wurde, daß er nun doch nach Hause gehen, essen und sich darauf wie gewöhnlich schlafen legen konnte. Er versäumte auch nichts, wenn er schlief, und andere Menschen gewannen Zeit, also war es ein doppelter Vortheil, den er erzielte. Leider sollte er aber selbst in seiner Behausung heute keine Ruhe finden.
»Männi,« sagte die Frau Räthin, als er in's Zimmer trat und sich, wie immer in Transspiration, die Stirn abwischte, »der Schneider war wieder da, um das Zeug abzuholen, wovon Du Dir die neuen Beinkleider machen lassen wolltest – ich habe es aber nicht finden können; gieb es doch heraus.«
»Das Zeug?« sagte der Rath, indem er verwundert mitten in der Stube stehen blieb. »Aber, mein liebes Herz, das habe ich Dir ja schon vorgestern Morgen draußen in den Vorsaal gelegt und Dich dringend gebeten, es augenblicklich fortzuschaffen, da ich so abgerissen bin, daß ich mich kaum noch auf der Straße sehen lassen kann! Die Leute weichen mir überall aus.«
»Ja, ich erinnere mich wohl, Männi,« sagte seine Frau zärtlich, »daß Du mir das gesagt hast; aber wie Du fort warst, konnt' ich es nirgends finden, und nachher kam die schreckliche Geschichte mit dem alten Salomon dazwischen, und ich habe gar nicht wieder daran gedacht.«
»Dann liegt es am Ende jetzt noch draußen?«
»Nein, gewiß nicht; die Henriette und ich sind überall herumgekrochen, aber es ist nirgends zu finden. Du hast es gewiß wieder in Gedanken eingeschlossen, Männi – Du bist manchmal so zerstreut.«
»Ja, lieber Schatz,« sagte der Rath, der sich doch nicht ganz sicher fühlte, »möglich wäre es allerdings, denn ich habe jetzt so viel zu denken, daß ich oft selber nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Die Leute hier in Alburg sind furchtbar weit in der Cultur zurück; es ist merkwürdig, sie wissen sich gar nicht zu helfen, und alle Augenblicke werde ich bald von der, bald von jener Seite um Rath gefragt.«