»So sieh' nur einmal nach, Männi, und nachher kann es die Henriette gleich hinübertragen, daß er es schnell macht.«
»Ja wohl, mein Täubchen,« erwiederte Frühbach, indem er den Schlüssel aus einer seiner Taschen herausarbeitete und erst die oberste, dann die zweite und dritte und vierte Schublade aufschloß, um das gesuchte Stück Zeug zu finden – aber es war nicht da. Er war niedergekniet und hatte jetzt einige Mühe, sich wieder aufzurichten, schüttelte aber dabei ununterbrochen mit dem Kopf und ging, aber mit nicht besserem Erfolg, an seinen Kleiderschrank, an den Schreibtisch, an eine andere Commode, kurz überallhin, wo sich ein solches Stück Tuch möglicher Weise hätte aufbewahren lassen – aber immer umsonst.
Die Henriette meldete, daß das Essen aufgetragen wäre und kalt und der unvermeidliche Aepfelwein warm würde – umsonst. Der Rath Frühbach suchte an den unmöglichsten Plätzen, die man gar nicht einmal alle nennen kann, nach seinem Stück Hosenzeug und kam zuletzt, aber auch erst ganz zuletzt, zu der Schlußfolgerung, daß es entweder verschwunden oder gestohlen sein müsse.
Mit der Ueberzeugung setzte er sich zu Tisch, und daß ihm dabei kein Bissen und kein Trunk schmeckte, läßt sich denken. Auch von dem Nachmittagsschlaf sah er ab, denn das Hosenzeug, groß carrirt, mit rothen, blauen und grünen Streifen, hatte drei Thaler zwanzig Groschen gekostet und war nicht so leicht aufzugeben. Jedenfalls mußte augenblicklich die Anzeige auf der Polizei gemacht werden, um dem Dieb wo möglich auf die Spur zu kommen.
Bei Tisch stellte der Rath aber noch eine genaue Untersuchung an, um zu erfahren, wer in den letzten Tagen bei ihnen gewesen wäre, und ob vielleicht auf eine oder die andere Person ein Verdacht fallen konnte – aber, Du lieber Gott, wie war es möglich, sich noch auf all' die Leute zu erinnern, die in solch einer Wirthschaft ein und aus gingen! Der Schneider war dagewesen und der Schuster, Leute, die Rechnungen brachten, der Briefträger, Bettler, die noch nicht wußten, daß in der ersten Etage nichts gegeben wurde, die Chorknaben, die Apfelsinen- und Bücklingsfrau und eine wahre Unzahl von Obst- und Gemüseweibern – es wäre ein hoffnungsloses Unternehmen gewesen, zwischen denen nach einer Spur zu suchen. Aber das war auch, wie er mit Bestimmtheit erklärte, gar nicht seine Sache, sondern die der Polizei, und ihm blieb deshalb nichts übrig, als eben nur die einfache Anzeige zu machen. Sein Hosenzeug mußte ihm die Sicherheitsbehörde wiederschaffen, denn dafür zahlte er sein Schutzgeld und seine Steuern.
Frühbach war wirklich in einer verzweifelten Stimmung; noch während des Essens tanzten ihm fortwährend die roth-blauen und grünen Carrés seines Hosenstoffes vor den Augen umher, und er konnte die Zeit kaum erwarten, wo er dem Actuar oben auf der Polizei erzählen durfte, daß er sich auf einen ganz ähnlichen Fall in Schwerin besinne, wo ihm ebenfalls noch ganz neues Leder zu einem Paar Stiefel, das er sich besonders zu diesem Zweck aus Rußland hatte kommen lassen, gestohlen worden sei. Er machte denn auch augenblicklich die Anzeige, und es wurden vier oder fünf Menschen, die nichts davon wußten, darüber vernommen. Nachher war er abgereist, aber sein Stiefelleder sollte er noch heute wiederbekommen.
Das Alles schadete aber nichts, die Anzeige mußte gemacht werden, das war er sich und seinen Mitmenschen schuldig. Die Unsicherheit in der Stadt nahm ja auch wirklich einen so bedenklichen Charakter an, daß man seines eigenen Lebens nicht mehr sicher war: Einbruch mit Todtschlag, Raub, Diebstahl in der eigenen, durch eine Vorsaalthür verschlossenen und mit einer Klingel versehenen Wohnung – das streifte schon an die Grenze des Unerhörten, und er nahm sich deshalb auch wirklich kaum Zeit, nach dem Essen eine Tasse Kaffee zu trinken, als er schon wieder seufzend zu Hut und Stock griff und hinaus auf die Straße eilte.
Daß Einen auch die Menschen nicht in Ruhe ließen! Legte er wohl je irgend Jemandem etwas in den Weg? War er nicht freundlich und gutmüthig mit Allen, ja, opferte er ihnen nicht oft aus reiner Gefälligkeit seine Zeit? Und das war sein Dank – Hosenzeug stehlen, was er noch nicht einmal bezahlt hatte!
In der Entrüstung dieses Bewußtseins beschleunigte er seine Schritte und schlug den geraden Weg nach dem Polizeigebäude ein, als er plötzlich einen kleinen, etwas corpulenten Mann vor sich hergehen sah, der – er nahm schnell die Brille ab und wischte sie aus, denn er glaubte, daß er sich geirrt haben müsse; das Muster des Hosenzeuges war ihm die ganze Zeit so vor den Augen herumgeschwebt, daß er es jetzt wahrscheinlich an allen ihm begegnenden Menschen entdeckte – aber nein, beim Himmel! der Mann da vor ihm trug, so wahr er lebte, seine Hosen, und Glück oder Zufall – es war ihm jetzt ganz gleichgültig – hatten ihn auf die rechte Spur geführt, oder ihm vielmehr den Uebelthäter gleich in die Hände geliefert.
Einige Schwierigkeiten hatte es allerdings noch, bis er den »Räuber seines Eigenthums« einholen konnte, denn er schritt genau so rasch aus, wie er selber – sollte er ihn vielleicht schon erkannt haben und jetzt absichtlich ihm aus dem Wege zu schlüpfen suchen? Aber das gelang ihm nicht: Frühbach war entschlossen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren; und wenn er noch mehr schwitzte, als er jetzt schon that, der kam ihm nicht mehr aus.