So waren sie etwa zwei Straßen in einem gelinden Sturmschritt hinabgelaufen, Frühbach immer etwa zwanzig Schritt hinter seiner Beute, ohne im Stand zu sein, etwas an ihm zu gewinnen, als der vor ihm Gehende plötzlich vor einem Schuhladen stehen blieb und das ausgestellte Schuhwerk im Fenster betrachtete. In wenigen Secunden war der Rath an seiner Seite und erkannte jetzt ebenfalls zu seinem unbegrenzten Erstaunen in dem Träger seiner Hosen, wie er meinte, den Schuhmacher Heßberger, der auch für ihn arbeitete und gerade in der letzten Zeit öfter in seinem Hause gewesen war.
»Hallo, Meister,« sagte der Rath, wirklich auf's äußerste überrascht, indem er neben ihm stehen blieb und ihn betrachtete, als ob er eben aus dem Mond heruntergestiegen wäre, »wo kommen Sie denn her?«
»Ich? – Ach, schönsten guten Morgen, Herr Geheimer Rath! Hätte Sie beinah' nicht erkannt! Herr Du meine Güte, schwitzen Sie – tragen aber auch noch so einen dicken, warmen Sirtut bis obenhin zugeknöpft – wo ich herkomme? Von zu Haus. Ich bin ja nicht verreist gewesen. Hatte ja noch gestern die Ehre, Frau Geheime Räthin ein Paar Negluschehschuhe zu bringen – passen doch hoffentlich, wenn ich fragen darf?«
Der Rath wußte nicht gleich, wie er die Sache anfangen solle, um den nichtswürdigen Schuhmacher zu einem Geständniß zu bringen. Er hatte allerdings im ersten Moment Lust, es ihm auf den Kopf zuzusagen; aber die bittere Erfahrung, die er damit in Vollmers gemacht, schien ihn doch ein wenig eingeschüchtert zu haben. Er getraute sich nicht damit heraus und begann nun hintenherum die Sache auf eine schlaue Weise anzufangen, was allerdings seine schwache Seite war.
»Ja wohl, Herr Heßberger,« sagte er deshalb vor der Hand auf die Frage, die er nicht einmal recht verstanden hatte, »von Herzen gern – aber – wenn Sie mir erlauben – Sie tragen da ein Paar famose Beinkleider, prächtiges Muster – so ein Paar habe ich mir eigentlich längst gewünscht. Sind die hier gekauft?«
»Sehr schmeichelbar, Herr Geheimer Rath, wenn sie Ihnen gefallen,« sagte Heßberger mit selbstgefälliger Miene – »eigener Guh – selber ausgesucht. Wissen Sie, Unsereiner, der nur für die Mode arbeitet, muß doch auch ein bischen passé darin bleiben.«
»Ja wohl, Herr Heßberger, gewiß,« sagte Frühbach, der aber geglaubt hatte, den Schuhmacher durch diese Frage in Verlegenheit zu bringen, und sich darin vollkommen getäuscht sah. Heßberger war unbefangen wie ein neugeborenes Kind, der Rath aber nicht der Mann, sich so leicht abschütteln zu lassen, und er inquirirte deshalb unverdrossen weiter, wenn auch wieder auf einem Umweg.
»Möchte mir wohl auch so ein Paar Hosen kaufen – ganz famoser Stoff – erlauben Sie, wohl Wolle, wie?«
»Halb und halb, denk' ich,« sagte Heßberger, durch das seinem Kleidungsstück gespendete Lob ordentlich geschmeichelt – »etwas Baumwolle mank. Eigentlich trage ich nicht so theure Kleider, aber man kann doch nicht gut wie Preti und Kleti herumlaufen.«
»Und wo haben Sie dieselben gekauft, wenn ich fragen darf?« sagte Frühbach, denn er merkte wohl, daß er auf Umwegen nicht in einer Stunde zum Ziel gekommen wäre.