»Das Zeug? Hier gleich um die Ecke, Herr Geheimer Rath, beim Kaufmann Magnus – hat immer die besten Stoffe, und ich kaufe Alles dort, was ich für Damenschuhe brauche.«

Das war wieder ein Strich durch Frühbach's Rechnung, denn er hatte erwartet, daß Heßberger jetzt einen ganz entfernten Ort, vielleicht sogar eine andere Stadt als Kaufplatz angeben würde, wonach er dann sicher gewesen wäre, seinen einmal gefaßten Verdacht bestätigt zu finden. Statt dessen gab er einen Ort an, der kaum fünfzig Schritt von ihnen entfernt lag, eine Entdeckung irgend eines Betrugs also in wenigen Minuten herbeigeführt werden konnte. Aber selbst das hielt den außerordentlich zähen Rath nicht ab, der Sache weiter nachzuforschen. »Hören Sie, lieber Herr Heßberger,« sagte er, »hätten Sie vielleicht einen Augenblick Zeit, mit in den Laden zu gehen, nur damit ich den Leuten dort das Muster zeigen kann? Ich werde Sie nicht lange aufhalten, ich möchte mir nur gern ein ebensolches Paar bestellen.«

Der Rath erwartete jetzt selbstverständlich, daß der Schuhmacher irgend eine Ausflucht suchen würde, um diesem Dilemma zu entgehen. Er konnte ja Geschäfte oder sonst etwas Derartiges vorschützen. Aber Gott bewahre – nichts dem Aehnliches geschah, sondern der kleine höfliche Mann sagte in der unbefangensten Weise:

»Mit dem größten Plesirvergnügen, Herr Geheimer Rath, wenn Sie sich nur gefälligst hier mit herbemühen wollen. Sehen Sie, dort drüben können Sie schon das Schild von Magnussen absolviren – werden gleich dort sein – kann Ihnen auch das Geschäft wirklich ehcommodiren, sehr curlante Leute. Gleich da drüben ist noch ein Laden von Peters und Emmermann, kaufe da aber nie etwas; der Peters ist ein Mowäh Schusseh, hat immer die schlechtesten Waaren und die höchsten Preise und dabei ein ganz constipirter Mensch, ein ordentlicher Fantist, der glaubt, man könne nur bei ihm kaufen. Sehen Sie, da sind wir schon – bitte, seien Sie so frei und treten Sie näher – sollen gleich bedient werden.«

Rath Frühbach war ganz wie ausgewechselt. Sonst, wenn er mit Jemandem ging, führte er immer allein das Wort; heute sprach er fast keine Silbe, und Heßberger mußte ihn unterhalten. Etwas Aehnliches war noch gar nicht dagewesen. Das hatte freilich auch seinen Grund: früher zeigte die Magnetnadel seines Geistes und Erinnerungsvermögens nur immer ununterbrochen nach Schwerin, und er steuerte dabei unbesorgt seinen Cours; jetzt aber hatten sich die großcarrirten Hosen dazwischengeworfen, sein Pol war ihm für einen Moment vollkommen entschwunden; denn etwas Aehnliches hatte selbst er noch nicht erlebt, und seine Nadel zeigte keinen Cours mehr.

Heßberger dagegen benahm sich so unbefangen als möglich. »Der Herr Geheime Rath,« sagte er, »wünschen gern von dem Zeug zu ein Paar Bandellongs zu haben, wo ich vorige Woche von gekauft habe – bitte, dieses Muster – sehr geschmackvoller Stoff, so hammonische Farben. Bitte, Herr Geheimer Rath, werden gleich bekommen.«

Dem Rath Frühbach war es nicht ganz recht, für sich in einem Laden, wo er noch dazu Geheimer Rath genannt wurde, ein Paar Beinkleider nach demselben Muster auszusuchen, wie es der Schuhmacher Heßberger trug, und was auch früher sein Geschmack gewesen sein mochte, er verleugnete ihn jetzt und wählte, da ihm verschiedene Stücke vorgelegt wurden, etwas Anderes. Er gab auch die Ordre, den Stoff, den er gleich bezahlte, in sein Haus zu schicken, ließ sich aber doch eine Probe von dem geben, was Heßberger anhatte, und steckte sie in die Tasche. – Er war noch nicht recht mit sich im Klaren, was er thun solle. Heßberger wich ihm auch dabei nicht von der Seite, und da sich Frühbach nicht einmal von Schwerin her eines Beispiels erinnerte, daß er von einem Menschen loszukommen gesucht hätte, so war er dadurch vollkommen aus seinem Fahrwasser gebracht, ja ertrug die Begleitung des kleinen geschwätzigen Burschen noch wenigstens drei oder vier Straßen lang, wo dann Heßberger selber glücklicher Weise Geschäfte hatte und in eine Nebengasse einbiegen mußte.

Der Rath blieb mitten in der Straße stehen und sah ihm nach. Dort ging der Bursche mit seinen Hosen so unverschämt wie möglich hin, und er hatte sich ein Paar andere kaufen müssen. Und waren es auch wirklich seine? In dem Laden benahm er sich genau so, als ob er sie dort gekauft hätte, und die Leute da drinnen widersprachen ihm auch nicht. Frühbach war ganz irre geworden, und doch hätte er darauf schwören mögen, daß der kleine verschmitzte Schuster, der sich gerade in der letzten Zeit häufig bei ihm zu thun gemacht, das Zeug aus seinem Vorsaal mitgenommen.

Jedenfalls beschloß er auf die Polizei zu gehen und die Anzeige zu machen; das war überhaupt seine Pflicht, denn wenn die Polizei gar nicht erfuhr, daß gestohlen wurde, so konnte sie auch nicht nachforschen, und hätte dann – ein undenklicher Zustand – nichts zu thun gehabt. Mit dem Entschlusse bog er deshalb direct in die nächste Straße ein, um seinen Vorsatz augenblicklich zur Ausführung zu bringen.

12.
Die Nachbarin.