Des Schlossers Frau stand starr und unbeweglich neben ihr; das Antlitz war ihr todtenfahl geworden, ihre Glieder zitterten, ihr Auge haftete stier und gläsern an der Unglücksbotin. Endlich sagte sie mit leiser, heiserer Stimme: »Aber es kann ja gar nicht sein, Volkert; wenn der Fritz wirklich die schreckliche That verübt hat – und es müßte das in der Verzweiflung geschehen sein, denn an dem Tage war er seiner Sinne kaum mächtig –, wenn er den Juden wirklich erschlagen hat, so ist es im Zorn, in der furchtbaren Aufregung geschehen. Wer weiß auch, wie ihn der Mann gereizt, ob er ihn nicht gar vielleicht seines Unglücks wegen verspottet hat, daß der Fritz gegen ihn die Hand erhoben, und dann – dann können und dürfen sie ihn doch nicht am Leben strafen. Es ist nicht möglich! Denken Sie nur, Volkert, wie vor noch gar nicht so langer Zeit jener Officier den Mann erstochen hatte, und der war nur vom Wein aufgeregt gewesen, da bekam er zwei Jahre Festungsstrafe, wurde aber nach dem ersten Jahre schon begnadigt und kam wieder frei. Sie können und werden doch meinen Fritz nicht ärger strafen als Jemanden, der eine solche That im Trunk verübt?«

»Ja, aber liebe, beste Frau Baumannchen,« winselte die kleine Frau hinter ihrer naßgeweinten Schürze vor, »das war doch auch ganz 'was Anderes; das war ja doch auch ein Gräfchen, das den armen Menschen erstochen hatte, ein ganz vornehmes Gräfchen, und sein Vater war Ministerchen oder sonst so 'was. Ja, wenn das Fritzchen ein vornehmes Gräfchen oder ein Barönchen wäre und sein Vater kein Schlosserchen, dann könnten Sie recht haben, und er käme vielleicht ein Jährchen oder so in die Festung, und nachher wäre das Geschichtchen aus und würde kein Wörtchen mehr darum gesprochen. Aber so, ach Du mein liebes Himmelchen, wenn sie dem Herzen von einem Menschen das Köpfchen herunterschlagen!«

Die Frau Baumann hörte gar nicht mehr, was sie zuletzt sagte, und wie von einem neuen und plötzlichen Gedanken ergriffen, starrte sie die Schneidersfrau mit einem Blick an, daß diese jedenfalls darüber zu Tode erschrocken wäre, wenn sie nur hätte vor lauter Schluchzen aus den Augen sehen können.

»Und Ihr glaubt, Volkert, daß er frei käme, wenn es ein Baron oder Graf wäre?« sagte sie mit heiserer, fast tonloser Stimme.

»Ach, gewiß glaub' ich's,« wimmerte die kleine Frau; »und die Homeier war auch heute Morgen bei mir, und wir haben darüber gesprochen, und der ihr Männchen hatte dasselbe gesagt, und der versteht es, denn er ist Bote bei den Gerichtchen und hat immer die Actenstückchen von einem der Herren zum andern zu tragen. Aber ein Handwerkerchen, ach Du liebes Gottchen, das ist ja gar nichts! Deren giebt's die Hülle und die Fülle, und so ein armes Schlosserchen oder Schneiderchen, oder was es auch sonst ist, mit dem machen sie keine Umstände und lassen dem Gesetzchen seinen Lauf.«

»Ja, ja,« nickte die Schlossersfrau, »es ist wahr; wir sollen Alle vor den Gesetzen gleich sein, so steht's in den Büchern und so sagen's die Leute. Aber es ist nicht so: den Vornehmen lassen sie eine Hinterthür offen, und die schlüpfen durch, und mit den Armen und Gedrückten füllen sie ihre Zuchthäuser und Gefängnisse – und wer verdient mehr Strafe, wenn er ein Verbrechen begeht, der Reiche und Vornehme, der Alles, was er braucht, im Ueberfluß hat und im Uebermuth braucht, oder der Arme und Gedrückte, den oft Noth und Verzweiflung dazu treiben?«

»Aber wir machen's nicht besser, Frau Baumännchen,« klagte die Kleine; »wir ändern die Welt nicht, und dürfen noch nicht einmal ein Muckschen thun, sonst werden wir ebenfalls eingesteckt.«

»Ja, wenn es ein Graf oder Baron wäre,« sagte die Schlossersfrau, noch immer vor sich hinstierend.

»Aber er ist es nicht,« winselte die Kleine; »das Fritzchen ist ja nur ein Mechanikuschen, und noch ein ganz junges, und wenn's auch nur ein Jude war, den es todtgeschlagen hat, jetzt hetzen sie Alle dahinter her, bis sie ihn unten haben. O, mein Männchen sollten Sie darüber reden hören, Frau Nachbarin, der kann's! Die Härchen stehen Einem zu Berge, wenn er davon spricht, daß alle die Kaiserchen und Fürstchen sterben müßten, und das Völkchen allein zu sagen hätte, was es will. Aber er thut es nur immer, wenn wir allein mit einander sind, denn sie haben ihn schon einmal deswegen eingesteckt. Ja wahrhaftig, 's ist wahr,« setzte sie hinzu, als die Frau sie mit ihrem stieren Blick wie fragend anschaute; »sechs Wöchelchen hat er brummen müssen bei Wasser und Rübensuppe. Ach, und wie er wieder herauskam, war er so dünn geworden, man hätte ihn durch ein Nadelöhrchen fädeln können!«

»Und wer hat Euch gesagt, Nachbarin, daß der Fritz am Freitag schon hingerichtet werden sollte?«