»Wer? das Fränzchen; expreß ist es zu uns herübergelaufen gekommen. Und der Herr Staatsanwalt Witte hat sich die größte Mühe gegeben, um ihn frei zu bekommen, und gleich von Anfang an versprochen, daß er seine Partei nehmen wollte; aber wenn das Fritzchen nun gestanden hat, da ist freilich Alles vorbei.«

»Der Staatsanwalt Witte hat seine Partei genommen?«

»Ja, gewiß; das Fränzchen war ja an dem Abend dabei in der Judengasse, wo sie das Salomonchen im Laden fanden, und hat's mit seinen eigenen Oehrchen gehört.«

»Der Staatsanwalt Witte?« wiederholte die Frau kopfschüttelnd.

»Das ist ein braver, rechtlicher Mann,« bestätigte die Schneidersfrau, »und wenn ein armes Teufelchen zu ihm kommt, dem Jemand Unrecht thun will, da springt er mit beiden Füßchen in die Sache hinein, und ruht nicht, bis er ihn frei gemacht, und nimmt nachher auch noch nicht einmal ein Gröschchen Geld dafür.«

»Der Staatsanwalt Witte?« murmelte die Schlossersfrau noch einmal.

»Ja, und wie hat er sich neulich der Frau Müller aus Vollmers angenommen,« fuhr die redselige kleine Schneidersfrau fort. »Sie war noch bei uns, ehe sie wieder nach Vollmers hinausfuhr, und hat uns das ganze Geschichtchen erzählt. Da war ein Majorchen und ein Räthchen zu ihr gekommen, lauter vornehme Leutchen mit großen Titelchen, und hatten sie in ihrem eigenen Hause schlecht gemacht und ihr einen Kindertausch bei Wendelsheims draußen und Gott weiß was Alles vorgehalten. Aber sie ging an die rechte Schmiede. Der Herr Staatsanwalt hat ihr gesagt, daß sie sich nicht vor den Leuten zu fürchten brauchte; Abbitte müßten sie thun vor den Gerichtchen oder Beweischen bringen; und nun will er sie vorkriegen, und das wird ein schöner Skandal im Städtchen werden, wenn so ein paar große Herrchen vorgefordert werden und Beweischen bringen sollen – Herr Du mein Gottchen,« unterbrach sich aber die Frau plötzlich, als sie zufällig aus dem Fenster sah und den zurückkehrenden Baumann bemerkte, »da kommt das Schlossermeisterchen wieder, und wenn der mich hier findet, drückt er mich armes Weibsen todt. Er kann mich so nicht leiden, und hat mir verboten, daß ich wieder herüberkomme.«

»Ja,« nickte die Frau still vor sich hin, »sie werden die Beweise bringen – aber zu spät, zu spät! Heute ist Mittwoch – übermorgen, o mein Gott, mein Gott!«

»Nachbarin, ich rutsche durch die Küche auf das Höfchen,« sagte die Frau, die in dem Augenblick noch fast um sechs Zoll kleiner und schmächtiger schien; »wenn er mich findet, giebt's ein Unglück!«

Und ohne eine weitere Erlaubniß abzuwarten, fuhr sie durch die Hinterthür in die Küche hinein und verschwand dort in demselben Augenblick, als Baumann, seinen Hut noch auf dem Kopf und mit finster zusammengezogenen Brauen in's Zimmer trat. Sie hatte auch in der That recht gehabt, ihm in dieser Stimmung aus dem Weg zu gehen; freundlich wäre sie keinenfalls von ihm empfangen worden.