»Wieder nichts!« sagte er, als er selbst ohne Gruß an seiner Frau vorüberging und an's Fenster trat. »Es ist rein um verrückt zu werden, daß sie Einem nicht einmal erlauben wollen, ihn nur zu sehen oder zu sprechen, und dabei erzählt sich das wahnsinnige Volk in der Stadt schon die tollsten und albernsten Geschichten!«
Seine Frau war im Zimmer; er hatte sie gesehen, als er an ihr vorüberging. Aber sie erwiederte kein Wort, richtete keine Frage an ihn, und mehr erstaunt als beunruhigt über dieses Schweigen, drehte er sich nach ihr um.
Seine Frau stand mitten im Zimmer; aber ihr Blick begegnete dem seinigen und hing mit unendlicher Liebe, aber auch einem unsagbaren Schmerz an ihm, so daß er sie ganz verwundert deshalb anstarrte.
»Nun,« sagte er endlich erstaunt, »was hast Du denn, Alte? Du siehst mich ja so merkwürdig an. Ist etwas vorgefallen?«
»Gottfried,« flüsterte die Frau mehr als sie sprach, ging auf ihn zu und lehnte langsam ihr Haupt an seine Brust, »Gottfried, mein braver, braver Gottfried, ich danke Dir für alles Liebe und Gute, das Du mir gethan, seit ich so glücklich wurde Dein Weib zu werden; ich danke Dir dafür viel tausend- und tausendmal, und möge Dich der Himmel dafür segnen!«
»Aber was hast Du nur?« sagte der Schlossermeister fast wie verlegen. »Was soll denn all' die Feierlichkeit? Und mit Bedanken? Ei, da glaub' ich, hat Einer von uns gerade so viel Ursache als der Andere.«
»Nein, Gottfried,« flüsterte die Frau wieder, »nein; Du weißt es nicht, und ich kann's Dir auch jetzt nicht sagen. Aber Du wirst's bald erfahren – bald – vielleicht heute noch, und dann – dann sei mir ja nicht so böse – denk' nicht, daß ich schlecht war, Gottfried, denk' es nicht – ich bin's nie gewesen! Nur übergroße, thörichte Liebe hat mich dazu getrieben. Wenn es mich aber auch die langen, langen Jahre gepeinigt und gequält, und ich größere Strafe dadurch erlitten habe, als wenn sie mir die Glieder mit Ketten zusammengeschnürt hätten, an Dir hab' ich doch gesündigt, an Dir und an ihm, und Alles, was jetzt in meinen Kräften steht, ist, das zu sühnen.«
»Aber, Mutter,« rief Baumann erschreckt, denn er glaubte im ersten Augenblick nicht anders, als daß sie über die Angst um den Sohn den Verstand verloren habe, »so schlimm ist's ja noch gar nicht, es kann noch Alles besser werden; habe nur guten Muth.«
»Den hab' ich, Gottfried, recht aus vollem Herzen,« nickte die Frau, und ihr Auge glänzte dabei von einem unheimlichen Feuer; »recht guten Muth hab' ich, denn ich bin jetzt auf dem richtigen Weg, und wollte Gott, o wollte Gott, ich wäre ihn früher gegangen, viel Unheil wäre dadurch Allen von uns erspart worden!«
»Komm, Alte, sei gut, mach' Dir deshalb keine Sorgen,« sagte Baumann freundlich, denn er gedachte sie jetzt nur zu beruhigen, damit sie die quälenden Gedanken fahren ließe. »Ist denn die Else noch nicht aus der Schule zurück? Es muß doch schon lange zwölf Uhr vorbei sein. Du hast auch noch nicht einmal den Tisch gedeckt?«