»Es muß sein, Gottfried,« nickte die Frau, die auf die letzten Worte gar nicht gehört oder geachtet hatte; »aber ich allein werde die Strafe erleiden, weil ich sie verdient habe – nicht Ihr – nicht er – es muß sein! Leb' denn wohl, Gottfried – Gott segne Dich viel tausendmal, und wenn Du....«
Die Aufregung war zu viel für sie. Sie wurde todtenbleich, und Baumann konnte sie noch eben mit seinem Arm auffangen, sonst wäre sie zu Boden gesunken. Jetzt wurde der alte Schlossermeister aber wirklich besorgt um den Zustand der Frau. Ihr tiefsinniges, zerstreutes Wesen, das entschieden nicht in ihrer Art lag, war ihm schon die letzten Tage aufgefallen, und die Ursache dafür suchte er natürlich nur in der Verhaftung des Sohnes. Aber er hatte nie geglaubt, daß es bei der nervenstarken Frau so gefährlich überhand nehmen könne. Er selber wußte auch in dem Augenblick gar nichts mit ihr anzufangen, als sie eben auf das Sopha zu legen; aber ein Arzt mußte her, vielleicht half ein Aderlaß oder irgend etwas Anderes, das der verordnen würde. Rasch entschlossen drückte er sich auch den Hut in die Stirn, rief dem in der Werkstätte arbeitenden Karl nur zu, einmal nach seiner Mutter zu sehen, es sei ihr unwohl geworden, er selber käme gleich wieder, und eilte dann, was er konnte, auf die Straße hinaus, um nach dem Arzt zu laufen und diesem gleich selber unterwegs die Krankheits-Symptome anzugeben.
Den nächsten Arzt fand er nicht zu Hause; aber der Medicinalrath Bennigs wohnte nur ein paar Straßen weiter, und den traf er glücklich gerade beim Frühstück an. Er mußte auch hereinkommen und dem alten Herrn, während er aß, den Fall genau erzählen, und der Arzt beruhigte ihn dabei. Es sei, wie er sagte, eine Nervenüberreizung, die sich wohl bald wieder geben würde; er wolle aber gleich selber mit ihm hinübergehen und die Kranke untersuchen – Sorge brauche er sich deshalb nicht zu machen.
Die beiden Männer waren auch bald wieder unterwegs, und Baumann beruhigte sich schon, als er, in der Nähe seiner Werkstätte angekommen, die Hämmer so lustig gehen hörte. Die Frau war jedenfalls wieder zu sich gekommen. Er hielt sich auch gar nicht da drinnen auf, sondern wollte gleich mit dem Medicinalrath durch die Werkstätte in die Stube gehen, als ihn Karl anrief.
»Vater, die Mutter ist nicht drin.«
»Nicht drin?« sagte Baumann erstaunt und sah sich nach ihm um.
»Ach,« meinte Karl, »es war ihr vorhin ein bischen schlecht geworden, und als sie wieder zu sich kam, meinte sie, sie wolle ein wenig an die frische Luft gehen, sie käme bald wieder.«
»Was,« rief Baumann erschreckt, »allein ist sie fort?«
»Ja,« sagte Karl, »natürlich; aber sie war so sonderbar. Die Else, die gerade aus der Schule kam, hat sie geherzt und geküßt, als ob sie auf ewig von ihr Abschied nehmen wolle, und auf mich ist sie auch zugegangen und hat mich an sich gedrückt und mir einen Kuß gegeben trotz meinem schwarzen Gesicht.«
»Großer Gott,« rief Baumann, jetzt zu Tod erschreckt, »was ist da vorgegangen und wo hinaus ist sie?«