»Das ist wirklich eine verzweifelte Geschichte,« murmelte der Staatsanwalt, dem indessen eine ganze Menge von Dingen durch den Kopf fuhren. Nicht allein Herr Bruno von Wendelsheim würde nämlich erstaunt über den Wechsel der Verhältnisse sein, sondern auch seine eigene Frau. Aber was half ihm das Alles? Beweise brauchte er, weiter nichts als Beweise; denn daß das Zeugniß einer einzigen alten Frau nicht ausreichen würde, um besonders in einer so wichtigen und bedeutenden Erbschaftssache die ganze Erbfolge umzustoßen, konnte er sich nicht verhehlen. War es ja doch, wie das Gericht einwenden würde, ihr eigener Sohn, dem sie durch ein solches Geständniß das riesige Erbe zuwenden wollte, und daß man das nicht so ruhig hinnahm, ließ sich denken. Und was der Major dazu sagen würde? Recht hatte er freilich gehabt, daß damals nicht Alles redlich zugegangen, wenn es bei ihm auch blos Verdacht, nie Gewißheit gewesen; aber ihm half es trotzdem nichts, wie die Sachen standen. Und seine eigene Frau? Er kratzte sich mit der rechten Hand hinten am Kopf und lief noch immer mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab. Außerdem konnte er der Frau nicht verdenken, jetzt, da sie ihm das schwere Geheimniß eröffnet, auch ihr Herz gegen ihren Mann auszuschütten, und daß sie da einen harten Stand bekam, ließ sich denken. Aber ihm setzte sie damit ebenfalls das Messer an die Kehle, denn wenn jetzt etwas in der Sache geschehen sollte, mußte es rasch geschehen; er wußte nur nicht, wie.

Mitten im Herumlaufen fiel ihm sein Justizrath ein. »Hilf Himmel, wie rasch die halbe Stunde vorüber war!« Er mußte jetzt fort, denn es betraf einen wichtigen Fall, der nothwendig eine vorherige Besprechung erforderte, und die Zeit war jetzt schon beinahe abgelaufen.

»Liebe Frau Baumann,« sagte er deshalb, »ich muß fort, ich kann nicht länger ausbleiben. Gehen Sie indessen nach Hause und überlegen Sie sich die Sache noch einmal ordentlich unterwegs. Treibt Sie Ihr Herz, mit Ihrem Mann offen darüber zu sprechen – ich kann's Ihnen nicht verdenken –, so thun Sie es, aber bitten Sie ihn, mit keinem Menschen weiter darüber zu reden, bis ich ihn selber gesehen habe. Ich komme dann, wenn die Sitzung vorüber ist, bei Ihnen vor. Wollen Sie mir das versprechen?«

»Ja, Herr Staatsanwalt,« sagte die Frau leise, »denn ich glaube, daß Sie es gut mit uns meinen.«

»Sie können sich darauf verlassen, liebe Frau.«

»Und der Fritz? – Es geschieht ihm gewiß nichts Böses, wenn wir nicht gleich erzählen, daß er vornehmer Leute Kind ist?«

»Es geschieht ihm nichts, die Versicherung kann ich Ihnen geben. Ich werde dafür sorgen, daß er in keine Gefahr kommt, und wenn irgend eine Aenderung in der Untersuchung eintreten sollte, so komme ich augenblicklich zu Ihnen oder schicke nach Ihnen und lasse es Sie wissen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt, ich danke Ihnen recht von Herzen – auch für die freundlichen Worte, die Sie zu mir gesprochen. Ich hatte schon geglaubt und gefürchtet, alle Menschen, die mein Vergehen erführen, müßten mich von jetzt an nur hassen und verabscheuen, und ich trage doch wahrlich nicht die Schuld – o, ich allein hätte es nie, nie gethan!«

»Seien Sie ohne Sorge, Frau Baumann,« sagte der alte Herr, der aber jetzt etwas ungeduldig wurde. »Ich habe Sie nun kennen gelernt, und ich glaube, ich durchschaue das Ganze. Wir wollen sehen, wie sich Alles zum Besten wenden läßt, und in spätestens zwei oder drei Stunden bin ich bei Ihnen.«

Damit ging er nach der Thür zu und nahm drin in seinem Zimmer Hut und Stock. Frau Baumann folgte ihm auch, und mit gesenktem Haupte schritt sie zwischen den Schreibern hin, die sich indeß die Köpfe zerbrochen hatten, was die Frau so Wichtiges mit ihrem Chef zu sprechen hatte, daß er einen besondern Boten auf das Amt hinaufschickte, um eine Verhandlung aufzuschieben, und sie jetzt beinahe sogar versäumte. Aber sie erfuhren nichts. Der Staatsanwalt lief, ohne selbst seiner Frau Adieu zu sagen, die Treppe hinunter, um noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein, und langsam – o, wie waren ihr die Füße so schwer geworden, als sie diesmal ihrer Heimath entgegenschritt – folgte ihm die Frau.