»Unsinn,« sagte der Staatsanwalt mürrisch, »altes Weibergeschwätz in der Stadt. So schnell geht die Sache nicht, und wenn er den alten Mann wirklich überfallen hätte, was ich aber nicht einmal glaube. Nein,« setzte er hinzu, als ihn die Frau zweifelnd anstarrte, »machen Sie sich deshalb keine Sorgen; Sie haben deren schon außerdem genug. Er sitzt allerdings noch im Gefängniß, und möglich, daß er auch noch ein paar Wochen dort bleiben muß, denn die Herren Richter haben darüber ihre eigenen Ansichten, aber weiter wird ihm nichts geschehen – verlassen Sie sich auf mich.«
»Aber die Volkert hat mir doch gesagt,« stammelte die Unglückliche ganz verstört – denn jetzt erst kam ihr der Gedanke, daß vielleicht das ganze Geständniß unnöthig gewesen wäre – »daß er bekannt hätte und am Freitag hingerichtet werden solle.«
Der Staatsanwalt mochte vielleicht ahnen, was in ihrer Seele vorging, und es lag ihm selber daran, das Gefühl jetzt nicht in ihr aufkommen zu lassen. »Ich weiß nicht, woher die Frau Volkert ihre Nachrichten schöpft,« sagte er deshalb, »kenne die Dame auch nicht und glaube nicht, daß der junge Mann sich zu dem Verbrechen bekannt hat. Wäre es aber auch wirklich der Fall, so beruhigen Sie sich vollständig, über eine so rasche Ausführung der Strafe. Das geschieht nicht und kann nach unseren Gesetzen gar nicht geschehen, da selbst einem jeden Verbrecher, und sei er der schwerste, der Weg zur Gnade des Königs noch immer offen steht. In diesem Fall aber und im Besitz des Geheimnisses, das Sie mir eben mitgetheilt, würde ich selber die nöthigen Schritte thun, um eine über ihn verhängte Strafe hinauszuschieben, und deshalb brauchen Sie sich keine Sorge zu machen – Ihr Fritz soll nicht sterben.«
Die Frau faltete die Hände. »Dann mag nachher mit mir geschehen, was da will,« sagte sie leise. »Und wenn ich das Furchtbare nun erst noch meinem braven Mann gestanden und seine Verzeihung erfleht habe, dann glaube ich auch, daß mir der liebe Gott die Sünde vergeben wird. Die Menschen mögen mich dann strafen – ich habe es verdient und will es gern ertragen.«
»Ihrem Mann wollen Sie es gestehen?« sagte der Staatsanwalt. »Hm – ja....«
»Und muß ich denn nicht?« fragte die Frau erstaunt. »O, wenn ich es vor langen, langen Jahren gethan hätte, es wäre vieles Elend abgewandt!«
»Die Sache ist nur die,« meinte Witte verlegen, »daß wir damit eigentlich nicht unter die Leute treten dürfen, bis wir nähere Beweise dafür bringen können. Haben Sie kein Zeichen, an dem Sie Ihr eigenes Kind fest bestimmen könnten, kein Maal oder sonst etwas?«
Die Frau schüttelte mit dem Kopf. »Nein,« sagte sie, »kein anderes Zeichen als das Herz der Mutter. Er kennt mich ja auch selber nicht,« setzte sie traurig hinzu; »wie oft habe ich mich ihm in den Weg gestellt, um ihm in die guten, treuen Augen – ganz wie sie sein Vater hat – zu schauen! Er kannte mich nicht einmal, sah mich kaum, dankte nur manchmal vornehm oder auch gar nicht und ging vorüber, und mir hätte das Herz dann in der Brust zerspringen mögen, daß ich's mit beiden Händen halten mußte.«
»Arme Frau....«
»Jawohl, arme Frau – o, was ich geduldet und getragen habe die ewig lange Zeit, und immer allein, immer allein, mit keiner Seele, der ich mich vertrauen durfte – ich könnt's nicht sagen. Jetzt zum ersten Mal fühl' ich mich leichter, jetzt zum ersten Mal ist mir, als ob ich wieder Frieden finden könnte. Aber mein armer Bruno,« setzte sie seufzend hinzu, »wie wird er es tragen? Muß er nicht seiner eigenen Mutter fluchen, daß sie ihm allen Glanz der Erde zeigte, nur um ihn dann wieder herauszureißen und zu einem der Niedrigsten zu machen?«