»Gehen Sie,« sagte der Alte, »es hilft mir doch nichts. Einen Augenblick könnt' ich es noch hinauszögern, nicht länger – was liegt an dem Augenblicke – 's ist ein Tropfen im Meere – gehen Sie.«
Bruno hatte sich schon lange von ihm losgemacht, die Thür geöffnet und den schmalen Vorsaal durchschritten. Dort im Zimmer stand Rebekka, wie sie gewöhnlich ging, in einem blüthenweißen Kleid, die rabenschwarzen Locken auf den vollen Nacken niederfallend, und diese Art von Tunica durch einen jener zierlichen russischen Platina-Gürtel zusammengehalten. So stand sie da – ein Bild jungfräulicher Scham und Liebe – die Arme halb dem Nahenden entgegengestreckt, und doch auch wieder den elastischen Körper wie scheu zurückgebeugt, als ob sie ihm entfliehen, ihn meiden wolle.
»Rebekka,« rief Bruno, die Arme nach ihr ausbreitend, »Rebekka – süßes, herziges Lieb – willst Du mein sein – willst Du mir angehören für Dein ganzes Leben und Freud' und Leid mit mir tragen, Lust und Schmerz – willst Du mein Weib sein und Dein Herz mir geben?«
»Mein Herz?« sagte Rebekka mit leiser Stimme, die aber wie ein Choral in Bruno's Ohren klang. »Mein Herz – hab' ich es denn noch? Ist es nicht längst schon Dein?« Und als er auf sie zuflog und sie in seine Arme, an seine Brust drückte, da lehnte sie ihr Haupt wie müde an ihn und flüsterte: »Bruno – mein lieber, lieber Bruno – o, wie danke ich Dir, daß Du gekommen bist – wie werd' ich es Dir ewig danken!«
Und die Mutter saß in der Ecke, und die hellen Thränen liefen ihr über die Wangen nieder; und der Vater stand mit gefalteten Händen vor ihnen und sah mit Schmerz und Lust zugleich das junge, jetzt so glückliche, so überselige Paar. Dann nahm er langsam ihre Hände, legte sie in einander und sagte freundlich:
»So geht denn zusammen den Weg durch dieses Leben: Ihr werdet ihn nicht glatt finden: Haß, Neid, Stolz und Ehrgeiz werden in Euren Pfad treten und Euer Glück bedrohen. Laßt sie – seid Euch selbst genug und sucht in der Familie, wie unsere Vorväter es schon gethan, allein den Frieden, den Euch die Welt vielleicht weigern oder streitig machen möchte. Er, der die Bitten eines alten Mannes gehört, welcher stets, wo es seine schwachen Kräfte erlaubten, nach Seinem Willen oder Geiste gehandelt hat – – segne Euch!«
Und jetzt kam auch die Mutter herbei und küßte die Kinder und setzte sich dann wieder in ihre Ecke und fing von vorn zu weinen an, aber vor lauter Freude und Seligkeit.
Freude und Seligkeit glänzte aber auch aus den Augen der Liebenden, die jetzt, fest aneinander gelehnt, zusammen saßen und von ihrer Zukunft, von ihrem Glück sprachen. Vergessen war für Bruno, was da draußen lag – vergessen das finstere Schloß mit all' seinen trüben Erinnerungen und überstandenen Schmerzen – vergessen alles ertragene Leid nur in der Wonne dieses Augenblicks. – Und Vater und Mutter saßen dabei, hörten dem Plaudern zu und wurden selber wieder jung in der Erinnerung an ihre eigene Liebe.
So verging ihnen mit Zauberschnelle die Zeit, und als es dunkelte und Rebekka aufsprang, um Licht zu holen, da setzte sich Bruno an das Instrument, und in jubelnden Tönen machte sich seine Seele Luft, bis Rebekka zurückkam, zu ihm trat, ihre Hand auf seine Schulter legte und glücklich, überglücklich ihre alten Lieder sang. Jetzt aber saßen die beiden Eltern zusammen in der Ecke, hatten Einer des Andern Hand gefaßt und hörten zu, bis die Zeit kam, daß die Mutter das Abendbrot bestellen mußte, denn Bruno sollte heute zum ersten Male mit ihnen essen.