Er blieb auch lange; er konnte sich nicht losreißen von dem Glück dieser ersten Stunden und geizte förmlich mit den Secunden, und als er endlich gehen mußte, als die Glocke auf dem alten, nicht fernen Dome die zehnte Stunde schlug, da nahm er wieder und wieder Abschied von der Geliebten, als ob sie sich für's ganze Leben und nicht auf wenige Stunden nur trennen müßten.

Der alte Salomon gab ihm das Geleit durch den Hof.

»Und wann darf ich wiederkommen, Vater?«

»Hab' ich jetzt ein Recht, darüber zu bestimmen?« sagte der alte Mann. »Lieber Himmel, was für eine Frage! Mich besuchen Sie doch nicht, und die Rebekka – werden Sie kommen morgen früh um neun Uhr, wird es ihr sein nicht zu früh. Gute Nacht, Herr Baron – Gute Nacht!«

Bruno trat hinaus auf die Straße, und von dem Lichte noch geblendet, das er eben verlassen, konnten sich seine Augen nicht gleich an die Dunkelheit gewöhnen. Trotzdem war es ihm, als ob er eine menschliche Gestalt, Schatten gleich, von einem der verschlossenen Ladenfenster fortgleiten sah, und diese hielt, als ob unschlüssig, wohin sie sich wenden solle, an der andern Seite der Straße. Der junge Mann wäre auch gern darauf zugegangen, aber es lag ihm selber noch nichts daran, es zu früh in der Stadt bekannt werden zu lassen, in welcher nächsten Beziehung er zu Salomon stehe. Er schritt deshalb, ohne sich weiter nach der Persönlichkeit umzusehen, die Straße hinab, bis er den ersten Nachtwächter traf, und schickte diesen dann zurück mit der Weisung, auf jene Gegend Acht zu geben, da sich dort ein verdächtiger Bursche herumtreibe. Der Nachtwächter folgte auch der Weisung und suchte den ganzen Weg ab, fand aber Niemanden mehr vor. Wer es auch gewesen, er hatte sich nicht länger dort aufgehalten und war verschwunden.

3.
Frau Heßberger.

Oben in der dritten Etage eines der Häuser in der Bergstraße von Alburg saß der Schuhmacher Heßberger mit einem Gesellen und drei Lehrjungen bei der Arbeit und war emsig beschäftigt, ein Paar sehr elegante Damenschuhe, die einen außerordentlich kleinen Fuß verriethen, frisch zu besohlen. Er hatte seinen Tisch aber dicht an's Fenster gerückt, denn schwere, graue Wolken lagen vor der Sonne und dumpf grollender Donner verrieth ein nahendes Gewitter. Nichtsdestoweniger arbeitete er fleißig fort und schien sich um das Wetter draußen wenig zu kümmern, bis plötzlich ein greller Blitz die Stube hell erleuchtete und gleich darauf ein so schmetternder Donnerschlag hinterdrein folgte, daß der kleine Mann ordentlich zusammenfuhr. Statt jedes andern Ausrufes setzte er aber plötzlich mit gellender Stimme in einen Choral ein, daß sich die Lehrjungen unter einander ansahen und heimlich lachten, aber nur ganz heimlich, denn es wäre ihnen bös ergangen, wenn es der Meister gemerkt oder nur Verdacht geschöpft hätte. Dieser aber, nur mit seiner Sohle (denn er unterbrach seine Arbeit nicht) und dem Lied beschäftigt, schrie mehr, als er sang, während der Regen an die Fenster peitschte:

»O Mensch gedenk' an's Ende,

Willst Du nicht Uebles thun –

Der Tod bringt oft behende