Der Tod Dich treffen könnte,

Drum mache Dich bereit –«

Die Dame schien aber nicht gesonnen, das Ende des geistlichen Liedes abzuwarten, denn mit einer ziemlich tiefen und derben Stimme rief sie dazwischen: »Na, bei mir könnt Ihr Eure Faxen lassen, Meister Heßberger! Ist Eure Frau zu Haus? Das fehlte auch noch, daß ich in dem Hundewetter den Weg umsonst gemacht hätte!«

Der Schuhmacher fuhr blitzschnell herum. Er kannte die tiefe Stimme und sagte, von seinem Sessel emporspringend und den Schuh, an dem er arbeitete, ziemlich rücksichtslos bei Seite werfend: »Ach, Madame Müller – ist mir doch sehr angenehm, Ihre werthe Persönlichkeit wieder einmal nach so langer Zeit condoliren zu dürfen.«

»Reden Sie keinen Unsinn,« erwiederte Madame Müller, gar nicht, wie es schien, in der Stimmung, viele Worte zu machen. »Was Ihnen angenehm oder nicht, kümmert mich einen Quark. Ich will wissen, ob ihre Frau zu Hause ist.«

»Bitte, Madame Müller,« sagte Heßberger, »ich rede nur ganz höflich, und eine Höflichkeit ist der andern werth; Madame scheinen aber – o Du Herr Jesus, der Donner! – nicht guter Laune zu sein. Da wird sich meine Frau ganz besonders daüber scharmiren, paßt ihr gerade – sie ist drinne – bitte, treten Sie näher, demelliren Sie mir aber nur das Porzellan nicht!«

Madame Müller warf ihm einen nichts weniger als achtungsvollen Blick zu und stieg dann, ohne es weiter der Mühe werth zu halten, ihm noch eine Antwort zu geben, über alles mögliche im Wege gestreute Schuh- und Lederzeug, über Leisten, Handwerksgeräth und andere derartige Dinge hinweg der Thür zu, welche, wie sie aus früheren Zeiten wußte, das Wohn- und Schlafzimmer der Heßberger'schen Gatten von der Werkstätte abschloß. Sie klopfte auch hier nicht lange an, wartete wenigstens nicht einmal den gewöhnlichen Zuruf ab, sondern trat in demselben Moment in's Zimmer, als wieder ein greller Blitz über den Himmel zuckte und gleich darauf, aber doch etwas später als bisher, grollender, dumpfer Donner hinterdrein rollte. Das Gewitter war jedenfalls vorübergezogen, und nur der Regen goß noch in Strömen nieder.

Mit dem Donnerschlag – selber ein kleines Gewitter in sich – stand aber Madame Müller auf der Schwelle, und der barsche Gruß schon, den sie der Herrin vom Hause entgegenrief: »Guten Tag, Frau Heßberger, ich habe 'was mit Ihnen zu reden!« deutete nicht viel Gutes.

Heßberger, obgleich er keine Ahnung hatte, was die Frau, mit der sie seit Jahren nicht verkehrt, hieher im Zorne geführt haben könne, fühlte sich doch vielleicht nach verschiedenen Seiten hin nicht so ganz sattelfest, und da er wußte, daß seine Frau bei irgend einer passenden Gelegenheit, sehr laut sprach und die Frau Müller schrie, so bemühte er sich bei Zeiten, wenigstens einen lästigen Zeugen zu entfernen – kein Mensch konnte ja sagen, was da verhandelt wurde.

»Backhof,« brummte er deshalb, eben nicht besonders heiter gestimmt, »Sie können Schicht machen und mir noch einen Weg besorgen.«