Und dazwischen zuckte der Blitz und prasselte der Donner; aber wie eine nur von metallenen Rädern abhängige Maschine saß sie dazwischen und rührte und regte sich nicht weiter, als es ihre Arbeit erforderte. Sie blinzelte nicht mit den Augen, wenn das gelbe, grelle Licht durch das Zimmer zischte, sie fuhr nicht zusammen, wenn der Donner das Haus in seinen Grundfesten zu erschüttern drohte – sie hatte überhaupt keine Nerven, die das möglich machen konnten.
Drinnen in der Werkstatt hörte sie eine Stimme, aber sie achtete nicht darauf. Der Besuch, der zu ihr kam – verschleierte Damen gewöhnlich, manchmal in Begleitung von jungen Herren – traf erst in viel späterer Stunde und bei vollständig angebrochener Dunkelheit ein; was früher kam, wollte nur Stiefel oder Schuhe haben.
Da klopfte es plötzlich, und wie sie ein halb erstauntes »Herein!« rief, stand, auch schon mit prasselndem Donner, eine fremde Frau auf der Schwelle, deren Züge sie sich nicht einmal, mit anderen Personen im Kopfe, gleich zurück in's Gedächtniß rief. Der Frau selbst schien aber gar nichts daran gelegen, sie lange über sich in Zweifel zu lassen, denn sowie sie nur die Schwelle betrat, sagte sie schon mit ihrer etwas tiefen Altstimme, den Raum dabei mit den Blicken überfliegend:
»Guten Tag, Frau Heßberger! Ich hab' mit Ihnen zu reden.«
»Madame Müller, so wahr ich einst selig zu werden hoffe!« rief Frau Heßberger, und nicht einmal in gekünsteltem Erstaunen aus, denn so gut und genau sie die Frau kannte, so lange Zeit war verflossen, seit sie dieselbe nicht gesehen. »Ei, was verschafft mir denn die Ehre eines so unverhofften Besuches? Freue mich doch wirklich sehr!«
»Wollen wir erst abwarten,« sagte Madame Müller, noch immer den triefenden Schirm in der Hand, mit dem sie schon eine lange nasse Gosse über Leder und Leisten gezogen und jetzt anfing, einen kleinen See in der Stube zu bilden. »Thut mir leid, daß ich das Zimmer naß mache, aber ich weiß nicht, wohin mit dem Schirm; geben Sie einmal einen von den Blumenuntersetzern her – das Wetter ist schuld.«
Frau Heßberger gehorchte wunderbarer Weise augenblicklich der Anforderung und würde dadurch besonders die Lehrjungen, wenn sie hätten Zeugen sein können, sehr in Erstaunen gesetzt haben; die Madame Müller stellte deshalb ihren Schirm dort ein, denn sie war selber viel zu reinlich und hielt bei sich zu Hause zu sehr auf Ordnung, um eine andere Stube zu beschmutzen. Sobald sie ihr »Regendach« aber untergebracht sah, drehte sie sich auch gegen des Schuhmachers Gattin um.
»So – und jetzt haben wir ein paar Worte mit einander zu wechseln, Madame Heßberger, wenn es Ihnen recht ist,« sagte Madame Müller, aber gleich in einem so entschiedenen Ton, daß man ihm wohl anhörte, sie würde eben reden, ob es recht wäre oder nicht.
»Wir Beiden, Madame Müller? Aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen? Sie stehen ja da an der Thür....«
»Sagen Sie einmal, Frau Heßberger,« fuhr die Frau fort, ohne die Einladung weiter zu beachten, »was haben Sie denn von mir in der Stadt erzählt, wenn ich fragen darf?«