»Ich? Von Ihnen?« sagte des Schusters Frau, doch nicht mit einem recht reinen Gewissen, denn sie sprach gewöhnlich sehr viel über andere Leute und nie etwas Gutes, und fühlte sich natürlich nicht so recht sicher, daß irgend eine oder die andere Bemerkung einem oder dem andern der Betreffenden zu Ohren gekommen sein konnte. Jedenfalls mußte sie erst einmal hören, um was es sich eigentlich handle. »Und was sollte ich von Ihnen gesprochen haben? Was hätte ich denn eigentlich sprechen oder erzählen können? Ich weiß ja doch gar nichts von Ihnen!«
»Desto schlimmer, Frau Heßberger, desto schlimmer,« rief Madame Müller, keineswegs gesonnen, sich auf solche summarische Weise abspeisen zu lassen; auf anfängliches Leugnen war sie überdies gefaßt. »Aber aus der Luft greifen's die Leute nicht, das ist nicht möglich, und Ihre Zunge kenn' ich, die ist in der ganzen Stadt bekannt!«
»Hören Sie, Madame Müller,« sagte Frau Heßberger, doch jetzt auch ein bischen warm werdend, obgleich sie noch immer sehr zurückhielt, denn sie mußte erst wissen, auf was die Frau eigentlich abzielte, »beleidigen brauche ich mich hier in meinem eigenen Hause nicht zu lassen, denn wenn ich in der Stadt bekannt bin....«
»So? Aber zu mir schicken Sie die Leute in das eigene Haus!« fuhr die Frau Müller, den rechten Arm in die Seite stemmend, fort. »Ich soll mich im eigenen Hause beleidigen und verunglimpfen lassen, nicht wahr? Dagegen haben Sie nichts, o, Gott bewahre, das ist ja nur die Frau Müller, eine allein stehende Frau und Wittwe – jawohl, die muß sich Alles gefallen lassen! Aber der liebe Gott hat mir auch eine Zunge gegeben, mit der ich mich wenigstens vertheidigen kann, und die will ich denn auch gebrauchen, so lange mir der Herr die Kraft läßt.«
»Daß Sie eine gute Zunge haben, Madame Müller, hat Ihnen noch Niemand abgestritten,« sagte die Frau Heßberger, jetzt ebenfalls gereizt.
»Und Sie brauchen mir die wahrhaftig nicht vorzuwerfen, Frau Heßberger, Sie am allerwenigsten!« rief der Gegenpart wieder, und zwar lauter, als es die Umgebung eigentlich nöthig machte.
»Aber wär's Ihnen denn nicht gefällig, Madame Müller, jetzt einmal zu sagen, was Sie von mir wollen?« sagte die Frau Heßberger mit einem ironischen Knix.
»Jawohl, Frau Heßberger,« erwiederte die Dame, gerade in der Stimmung, ihr den Knix mit Zinsen zurückzugeben, »wie Sie befehlen – oder möchten Sie mich lieber gleich hinauswerfen? Aber dann wollen wir doch einmal sehen, ob die Gerichte nicht eine arme, allein stehende Frau schützen!«
»So, Madame Müller, und wissen Sie, daß ich jetzt gleich hingehen und Sie verklagen kann, wenn Sie mir mit den Gerichten drohen?«
»Ja, gehen Sie nur, Frau Heßberger, gehen Sie nur,« rief die Frau Müller in Eifer, »wenn Sie Einem die Worte im Munde herumdrehen wollen! Aber dann wird sich auch zeigen, was Sie dem alten Schlabbermaul, dem Herrn Rath Frühbach, von mir und meinem Kinde erzählt haben, daß ich es umgetauscht hätte und daß mein Kind nicht mein Kind, sondern ein Kind vom Baron von Wendelsheim wäre – Sie schlechte Person Sie....«