Madame Müller zögerte einen Moment. Sie fühlte vielleicht, daß sie ein wenig zu weit gegangen sein mochte. Das Verlangen des Schusters war auch zu vernünftig, um eine Einwendung zuzulassen. Die Heßbergers mußten erst erfahren, was sie gesagt haben sollten, und dann sich vertheidigen; das war in der Ordnung, und Madame Müller auch nur eigentlich in der ersten Hitze ein wenig wirr in die Geschichte hineingefahren. Sie sah sich deshalb, als erste Einleitung in ein ruhigeres Geleise, nach einem Stuhl um, den ihr Heßberger bereitwillig hinschob, und sagte dann: »Gut, ich will Ihnen die Sache erzählen, wenn mir auch die Galle noch einmal dabei überläuft; ach, daß ich mir so 'was muß auf meine alten Tage gefallen lassen, wo mir in der Jugend kein Mensch einen Vorwurf machen konnte! Aber ich will wissen, ob der alte grauhaarige Schwätzer die Wahrheit gesprochen oder ob er gelogen hat, und wenn ich damit bis hinauf zum König gehen müßte.«

Und nun erzählte sie mit ziemlich kurz gedrängten Worten, aber natürlich noch immer in jener gereizten Stimmung, welche die Erinnerung an den Morgen in ihr hervorrief, dem aufmerksam zuhörenden Heßberger'schen Ehepaare die Erlebnisse mit Rath Frühbach und dem Major, und Heßberger unterbrach oder störte sie darin nur ein einziges Mal, indem er leise und vorsichtig an die Thür der Werkstatt schlich und diese dann plötzlich aufriß, ob er vielleicht einen seiner Jungen beim Horchen ertappte. Die aber kannten schon sein Manöver und hüteten sich wohl, etwas Derartiges zu versuchen. Wie angeleimt saßen sie auf ihren Schemeln, und darüber beruhigt, schloß der Schuhmacher die Thür wieder.

Die Frau Heßberger schüttelte aber, während ihr Besuch erzählte, immer nur schweigend mit dem Kopf; denn obgleich sie sich von dieser Anklage, dem Rath Frühbach etwas Aehnliches erzählt zu haben, vollkommen rein wußte, so begriff sie doch in aller Welt nicht, wie der genannte Herr erstlich zur Frau Müller kam, und dann auch nicht, wie er sie auf solche Weise da hinein bringen konnte. Aber der Major – den kannte sie gut genug, und der stak auch jedenfalls hinter dem Ganzen.

Ihr Mann mußte ähnliche Gedanken gehabt haben, denn wie die Frau einen Augenblick schwieg, mehr um Athem zu schöpfen, als weil es ihr an Stoff gefehlt hätte – sie würde einen Monat lang damit ausgereicht haben –, sagte er artig:

»Escusiren Sie, Madame Müller, behauptete denn der Herr Geheime Major etwas Aehnliches?«

»Ja, ob es ein geheimer Major war oder nicht,« sagte Madame Müller, »weiß ich nicht – eine Uniform trug er freilich nicht, wie sich's für einen Major gehört, sondern einen alten grauen Rock und einen runden Hut –, aber er sprach wenig oder gar nichts; der Rath führte ziemlich allein das Wort und trank auch allein meinen Wein aus, der graue Sünder der... Aber nun, Frau Heßberger, frage ich Sie, wie konnten Sie sich unterstehen, etwas Derartiges von mir zu erzählen? Habe ich je in meinem ganzen Leben...«

»Ereifern Sie sich nicht unnöthiger Weise, Madame Müllern,« sagte die Heßberger mit Würde, denn sie hatte Zeit genug gehabt, um sich Alles genau zu überlegen. »Ich kann es auf die Hostie beschwören, daß Ihnen jener Herr Rath, was mich betrifft, nichts als blanke Lügen erzählt hat, und wenn Sie mir ihn hieherbringen, will ich ihm das in's Gesicht hinein sagen. Und was Ihren Major betrifft, so kenn' ich den gar nicht und habe ihn wohl noch nicht einmal gesehen, viel weniger gesprochen, und noch viel weniger über Sie. Außerdem,« fuhr sie fort, als sie sah, daß Madame Müller etwas darauf erwiedern wollte, »steht hier die Frau, die von der Geburt des Wendelsheim'schen Kindes an bei ihm war, und doch wohl wissen müßte, ob es vertauscht wäre oder nicht, denn mir kann in der Hinsicht Keiner ein X für ein U machen. Ich habe aber den Jungen – und ein prächtiger junger Herr ist es geworden – zuerst auf den Armen gehabt, und Wochen und Monate und Jahre lang vor Augen, und wenn den hätte Einer auswechseln wollen, der hätte es klug anlegen müssen. Aber ich weiß, woher das Alles kommt: der Major steckt dahinter; das ist derselbe, der das Geld gekriegt hätte, oder doch ein ganz Theil davon, wenn die Wendelsheim'sche Familie ohne männlichen Erben geblieben wäre. Jetzt hat sie, Gott sei Dank, deren zwei, und da nun das Geld bald ausgezahlt werden soll, kommt bei ihm die Wuth und der Aerger, daß er nichts kriegt und leer ausgeht, und er versucht's auf allerlei Art, um noch einen Haken daran zu finden.«

»Aber, Heßbergern,« sagte die Madame Müller, »das ist ja doch gar nicht möglich! So schlecht kann doch ein Mensch gar nicht sein...«

»Lehren Sie mich die Menschen kennen, Madame Müllern!« sagte die Heßberger, während der Schuster einen salbungsvollen Blick nach oben warf und schwer aufseufzend mit dem Kopf nickte – er schien sie ebenfalls zu kennen. »Mir sind schlimmere Dinge passirt,« fuhr die Frau fort, »viel schlimmere, und die ersten Jahre – Sie waren wohl damals schon in die weite Welt gegangen und über die See –, da hatten sie bald dies, bald das Gerede, und Alles über die arme Heßberger, die konnte herhalten, weil sie zu gutmüthig war, fest gegen sie aufzutreten. Aber zuletzt mußten sie's doch aufgeben – Wahrheit und Ehrlichkeit bleiben immer oben, Madame Müllern, immer und ewig, und wie sie erst ausfanden, daß sie mir nichts anhaben konnten, ließen sie mich zufrieden.«

»Und dann wollen sie jetzt vielleicht mit mir dasselbe Spiel versuchen?« rief Madame Müller, deren ganzer Zorn sich nun gegen ihren neulichen Besuch kehrte. »Aber da sind sie an die Falsche gerathen! Ich bin nicht zu gutmüthig, die Versicherung kann ich Ihnen geben, Heßbergern, und wenn mich neulich nicht der Aerger und Zorn so krank gemacht hätte, daß ich mich niederlegen und volle zehn Tage das Bett hüten mußte, ich wäre augenblicklich auf die Gerichte gelaufen! Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und dazu heute so gut ein Tag, wie gestern oder vor acht Tagen!«