»Aber, beste Madame Müller,« sagte Heßberger sehr artig, »da treten Sie die Geschichte erst recht breit. Ich würde solche Menschen mit Verachtung strafen und laufen lassen. Die kommen Ihnen nicht wieder, so viel kann ich Ihnen versichern.«
»Na, das fehlte mir auch noch, daß die wiederkämen,« sagte die Frau, ganz resolut von ihrem Stuhl aufstehend und nach ihrem Schirm greifend, den sie wie eine Waffe packte; »ich wollte ihnen zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat! Aber so kommen sie nicht davon, so viel ist sicher, denn ich will nicht umsonst die ganze Zeit vor Aerger krank im Bett gelegen haben! Ich suche mir einen Advocaten, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob so ein paar Kerle zu mir hereinbrechen und mir ihre Lügen unter die Nase reiben dürfen!«
»Da müssen Sie schmähliches Geld blechen,« sagte Heßberger, »und es hilft Ihnen gar nichts.«
»Und wenn mich die Geschichte zwanzig blanke Thaler kosten sollte!« rief Madame Müller bestimmt und schlug sich mit dem nassen Regenschirm in die linke Hand. »Ich kenne freilich die Advocaten hier nicht, denn ich habe mit derlei Leute nie in meinem Leben etwas zu thun gehabt; aber ich gehe zu Eurem Schwager, dem alten Baumann, das ist ein ehrlicher, braver Mensch, der den Kopf auf der rechten Stelle hat. Der wird mir schon einen ordentlichen Menschen nennen können, der Einen nicht blos zum Vergnügen über's Ohr haut.«
»Liebe Madame Müller,« sagte da die Frau Heßberger rasch, »thun Sie das nicht; mein Schwager ist ein seelensguter Mensch, aber was weiß der von den Advocaten! Wenn Sie denn absolut einmal Ihren Willen durchsetzen wollen, so wohnt hier gleich nebenan ein sehr tüchtiger Mann, der Herr....«
»Lassen Sie mich nur machen, Frau Heßberger,« sagte Madame Müller, die eben nicht besonders viel auf eine Empfehlung derselben zu geben schien. »Ich bin von klein auf in der Welt gewesen und weiß selber, was ich zu thun habe. Meister Baumann ist ein ganz tüchtiger Mann, und ich will auch gar keinen spitzfindigen Advocaten, sondern nur einen ehrlichen haben. Wenn Sie dann vorgeladen werden, brauchen Sie nur auszusagen, was Sie mir heute versichert haben, und dann wollen wir die beiden Herren, den Herrn Rath und den Herrn Major, schon kriegen, darauf dürfen Sie sich verlassen!«
»Aber es regnet so sehr, meine gute Madame,« sagte Heßberger, der sie jetzt merkwürdiger Weise noch gar so gern eine Weile da behalten hätte.
»Und wenn es Schusterjungen regnete, Herr Heßberger,« versicherte Madame Müller, »ich komme mit meinem Parapluie schon durch. Also guten Morgen allerseits – wünsche gesegnete Mahlzeit!« und damit öffnete sie die Thür der Werkstatt selber, schritt, ohne mehr nach rechts oder links einen Blick zu wenden, hindurch und stieg dann langsam die etwas steile und dunkle Treppe hinab.
Unten im Hausflur hatte sich indessen ebenfalls Gesellschaft eingefunden. Der Staatsanwalt Witte war, gerade wie der Schauer begann, ohne Regenschirm die Straße heruntergekommen und, da er sich besonders vor Erkältung fürchtete, dort untergetreten. Er glaubte natürlich, daß es, da es mit solcher Wuth und Heftigkeit einsetzte, auch eben so rasch vorüberziehen würde, denn »gestrenge Herren regieren nicht lange.« Aber der Donner folgte immer langsamer und in größeren Zwischenräumen dem Blitz, bis zuletzt noch kaum ein leises Grollen hörbar wurde, und immer wollte der eigentliche Guß nicht nachlassen, ja, schien eher heftiger zu werden.
Witte schüttelte mit dem Kopf, fand sich aber darein, eine Weile auszuhalten, denn ewig konnte es ja nicht dauern, und vielleicht kam auch eine leere Droschke vorüber, die er dann angerufen hätte. Wer aber hat schon je bei Regenwetter, und wenn er sie am nothwendigsten brauchte, eine leere Droschke gefunden? Es kommt gar nicht vor, und überhaupt scheinen die Droschkenkutscher in solcher Zeit einzukriechen wie die Fliegen, denn man trifft nur in Ausnahmefällen einen von ihnen auf der Straße. Der Staatsanwalt lauerte denn auch vergeblich eine volle Viertelstunde und nahm sich schon ein paarmal vor, lieber mitten im Regen hinauszuspringen und lieber scharf an den Häusern wegzulaufen. Jedesmal aber, wenn er zu solch einem halben Entschlusse gekommen war, schien es, als ob es mit frischen Kräften an zu gießen fing; es dachte gar nicht daran, aufzuhören, und er gab jedesmal den Versuch wieder auf.