Madame Müller war aber nicht die Frau, irgend jemand Anderes reden zu lassen, so lange sie noch etwas zu sagen hatte, und die wohlwollende Anrede reizte sie ganz besonders: »Der Teufel ist Ihre »liebe, beste Frau!« rief sie zornig und schien nicht übel Lust zu haben, den schon geöffneten Schirm wieder zu schließen. »Sie sollen mir aber vor's Messer, darauf können Sie sich verlassen, und wenn ich....«

»Heh, Droschke! Droschke!« rief der Staatsanwalt auf die Straße hinaus. Er begriff nicht recht, was Rath Frühbach mit der Frau haben oder gehabt haben konnte, hatte aber auch keine große Lust, einem etwaigen Streit zuzuhören, und der Wagen, der gerade zufällig gegenüber eine »Fuhre« abgesetzt, kam ihm gut zu Statten. Der Kutscher hörte auch den Ruf und lenkte um, und mit einem kurzen Gruß gegen den Rath sprang der Staatsanwalt mitten in den Regen hinaus.

Das war dem Rath aber zu viel. Mit der entsetzlichen Frau sollte er hier im Thorweg, und außerdem noch durchaus naß, das Unwetter abwarten? Nein – hier drinnen wüthete es ärger als draußen, und einen herzhaften Entschluß fassend, spannte er mit einem plötzlichen Ruck seinen Schirm, sagte »Guten Morgen, Madame!« und war mit drei Schritten wieder unter der Traufe. Er hörte noch hinter sich her etwas von »Gerichten« und »Hausschleichern«, aber der auf den Schirm schlagende Regen ertödtete die Worte, und dem Sturm in die Zähne arbeitete er sich, Madame Müller ihrem eigenen Schicksal überlassend, die Straße hinauf.

4.
Neben der Werkstätte.

Neben der Werkstätte des Schlossers Baumann befand sich das kleine, aber ganz behaglich eingerichtete Wohnzimmer der Familie, und zwar nicht etwa behaglich durch elegante Möbel oder sonstigen Zierath, sondern weit mehr durch die wirklich auffallende Sauberkeit, die dort herrschte, so daß Baumann selber oft lachte, wenn er mit seinem rußgeschwärzten Gesicht, und eben solchen bloßen Armen zum Frühstück oder sonst einmal hereinkam und dann meinte, er passe da eigentlich gar nicht hin und müsse immer vorher an der Thür »abgetreten« werden. Er paßte aber und gehörte trotzdem da ganz besonders hinein, denn seinem unermüdlichen Fleiß sowohl als seiner Geschicklichkeit verdankte die Familie gerade diese Behaglichkeit, die nur die Frau noch durch ihr ewig thätiges Schaffen und Sorgen zu erhöhen und zu erhalten wußte.

Baumann hätte sich auch in der That keine bessere Frau wünschen und sie auf der weiten Welt finden können; eine sorgsamere für ihn und seine Bequemlichkeit gewiß nicht, denn was sie ihm an den Augen absehen konnte, das that sie. Dabei war in den langen Jahren ihrer Verheirathung auch noch nicht ein einziger Zank zwischen ihnen vorgekommen, und nur manchmal neckte sie der alte Schlosser mit dem »Stückchen Hochmuthsteufel«, der in ihr stecke, und meinte dann wohl, es sei jammerschade, daß sie keine Gräfin geworden wäre und in Sammet und Seide und mit langen Schleppkleidern hätte umhergehen können, das würde ihr außerordentlich gut gestanden haben. Aber das war immer nur im Scherz und wurde so gesagt und aufgenommen.

Heute saß sie allein in der Stube an ihrem Nähtisch und arbeitete ein Kleidchen für ihr kleines Töchterchen, das seit acht Tagen zum ersten Mal in die Schule geschickt war und nun doch Manches brauchte, um anständig zwischen den übrigen Kindern zu erscheinen. Wenn es auch blos Kattunröckchen tragen durfte, denn der Vater litt das nicht anders, konnten die doch wenigstens sauber und nett gemacht sein, und darin, wie überhaupt in allen Dingen, besaß sie eine besonders geschickte Hand.

Draußen wetterte es gerade, was vom Himmel herunter wollte; der Blitz zischte, der Donner rollte und die ersten schweren Tropfen fingen an zu fallen. Die Leute auf der Straße liefen, was sie laufen konnten, um irgend ein schützendes Obdach zu erreichen, und ein paar vorüberfahrende Droschkenkutscher hieben mit ganz ungewohnter Energie auf ihre Pferde ein.

Die Frau Baumann warf einen besorgten Blick auf die Straße und nach dem Himmel hinauf – aber ihre Else saß jetzt schon lange sicher in der Schule, und bis die aus war, hatte sich das Wetter auch gewiß wieder verzogen. Nur die Schmiede ängstigte sie etwas; dort lag so viel Eisen, und sie fürchtete immer, daß der Blitz einmal da einschlagen könnte, hatte auch ihren Mann oft und oft gebeten, nur doch wenigstens so lange mit Arbeiten aufzuhören, als ein Gewitter dauere. Der aber lachte dazu und meinte, der Blitz, wenn er einmal einschlagen wolle, könne ihn überall treffen, jedenfalls eben so leicht in der Stube, wie in der Werkstätte, und der liebe Gott sei aller Orten. Die Arbeit dürfe aber nicht rasten, und nur wenn einmal ein Gewitter an einem Sonntag käme, verspräche er ihr, nicht dabei am Ambos zu stehen, was er überhaupt nicht am Sonntag that. Es war mit dem Manne eben nichts anzufangen.

Baumann hämmerte denn auch, mit seinem zweiten Sohn, einem andern Gesellen und dem Lehrjungen an seiner Seite, wacker darauf los, daß die Funken nach allen Seiten hinausspritzten, und warf nur einen schmunzelnden Blick nach der Thür, als der Regen plötzlich mit voller Wucht einsetzte und niederschlug. Wie die Menschen draußen sprangen, um unter Dach zu kommen – aber er stand trocken, und lustig schlug er wieder auf das rothglühende Eisen ein.