»Aber wir haben keine,« rief der Major, »als die moralische Ueberzeugung, daß ich im Recht bin und ihre ganze Geschichte faul ist.«

»Eine moralische Ueberzeugung hat nur freilich vor dem Richter keinen Werth, Major, und Sie fallen damit gründlich ab. Aber vielleicht kann Ihnen der Rath Beweise bringen, da er, wie mir die Madame Müller erzählt hat, so entschieden in der Sache vorgegangen ist.«

Rath Frühbach hatte wunderbarer Weise und ganz gegen seine sonstige Gewohnheit bis jetzt kein Wort gesprochen und nur, in seine Gedanken vertieft, Tabak um sich her gestreut. Jetzt sagte er: »Da fällt mir eine Geschichte ein....«

»Lieber Rath,« rief Witte, ihn rücksichtslos unterbrechend, »ich bin nicht hieher gekommen, um Ihre Geschichten mit anzuhören, sondern die Angelegenheit zum Abschluß zu bringen. Hier ist der Brief« – und dabei nahm er das Papier aus der Tasche –, »ich habe ihn kurz und bündig gehalten, und es steht nichts darin, was Sie nicht mit gutem Gewissen unterschreiben können. Der Frau habe ich auch das Versprechen abgenommen, das Document als vollkommen privatim zu betrachten; sie wird es keinem andern Menschen zeigen. Nun lesen Sie es durch und sagen mir dann kurz und bündig, ob Sie damit die fatale Sache erledigen wollen oder nicht. Weiteres Reden ist vollkommen unnütz, und ich habe auch keine Zeit dazu.«

»Sie lassen Einen auch wirklich gar nicht zu Worte kommen, lieber Staatsanwalt,« meinte der Rath und nahm eine Doppelprise. »Wie kann man denn in einer so wichtigen Sache einen Beschluß fassen, wenn man sich nicht erst gehörig darüber ausgesprochen hat?«

»Ich dächte, Sie hätten da draußen gerade genug gesprochen,« nickte der Staatsanwalt, »und ich begreife Sie wirklich nicht, Major, wie ein sonst so ruhiger, vernünftiger Mann so seine Leidenschaft kann mit sich durchgehen lassen und in's Blaue hineinrasen.«

»Ich habe ja gar kein Wort gesagt!« rief der Major; »der Rath war aber nicht zu halten und behauptete nur immer, wenn man es ihr auf den Kopf zusage, würde sie augenblicklich gestehen.«

»In Schwerin hatten wir einen ganz ähnlichen Fall, und gerade durch meine Geistesgegenwart....«

»Haben Sie sich hier so in die Patsche geritten,« sagte der Staatsanwalt, der fest entschlossen schien, dem unglücklichen Manne jedesmal die Rede abzuschneiden, »daß Sie Vorspann brauchen, um wieder herauszukommen. Den bringe ich Ihnen jetzt; da, lesen Sie den Brief und seien Sie froh, wenn Sie so durchschlüpfen; denn wenn die etwas cholerische Frau wirklich klagt, so dürfen Sie sich auf eine Scene vor den Geschworenen gefaßt machen, an die Sie nachher ihr ganzes Leben zurückzudenken haben. Ueberfüllte Tribünen garantire ich Ihnen jedenfalls.«

Der Rath nahm den Brief und las ihn. Er war in der That in der mildesten Form abgefaßt und führte die ganze Sache auf ein Mißverständnis oder einen Irrthum zurück. Die beiden Herren erklärten nur zum Schlusse ihr Bedauern, die Frau unverdienter Weise vielleicht durch irgend ein Wort gekränkt zu haben, und baten sie, ihrer in Zukunft wieder freundlich zu gedenken, wie sie sich selber mit aufrichtiger Hochachtung zeichneten etc.