Der Rath kratzte sich hinter dem Ohr, reichte aber den Brief dem Major hinüber und sagte dabei: »Du lieber Himmel, das könnte man allenfalls einer Frau gegenüber unterzeichnen, nur um aus der unangenehmen Sache herauszukommen!«

Der Major hatte sich indessen das Bild mit dem Geschworenengericht, das ihm der Staatsanwalt entrollte, ausgemalt, und er würde lieber tausend Thaler gezahlt haben, als sich einer solchen Blamage aussetzen. Er, Major von Halsen, als Verklagter auf der Armensünderbank, und die Madame Müller vor den Schranken, gegen ihn auftretend! Es war gut, daß der Rath in dem Augenblick nicht hören konnte, was er über ihn dachte, denn ihm allein verdankte er doch nur das Alles. Aber er las den Brief erst einmal flüchtig durch, dann noch einmal langsam und bedächtig, und der Staatsanwalt betrachtete ihn dabei mit triumphirenden Blicken. Er wußte jetzt, daß er ihn fest hatte und die Sache erledigen konnte.

»Na denn meinetwegen,« sagte auch der alte Soldat endlich, indem er das Papier neben sich auf den Tisch warf; »geben Sie einmal Dinte und Feder von da drüben her, Rath – die Dinte wird wohl eingetrocknet sein, dort auf dem Ofen steht noch eine kleine Flasche. Wenn sich der alte Drache damit beruhigen will, mir kann's recht sein; aber meinen Hals möcht' ich zum Pfand einsetzen, daß sie die Lumperei doch begangen hat. Sie sollten nur das Bild von ihrer Tochter sehen, Staatsanwalt, das über ihrem Sopha in Vollmers hängt, ob das nicht das leibhafte Conterfei der Wendelsheim'schen Familie ist – jeder Zug, während der Lieutenant von Wendelsheim auch nicht die Spur von Aehnlichkeit mit dem alten Baron hat – nicht die Spur, sage ich Ihnen.«

»Aber das sind Alles keine Hauptbeweise, lieber Freund, und könnten nur vielleicht als Nebenbeweise in's Gewicht fallen. Eine solche Aehnlichkeit täuscht und ist oft nur zufällig, denn sie hängt von uns unbekannten Ursachen ab. Damit kommen Sie also nicht vom Fleck, und seien Sie so gut und machen Sie die Sache kurz, denn es wird schon dunkel und ich muß nach Hause.«

Der Major sah noch einen Augenblick still und verbissen vor sich nieder; endlich sagte er: »Na, mein lieber Rath, Sie nehme ich einmal wieder auf eine Entdeckungsreise mit!« griff dann die Feder auf, tunkte sie ein und schrieb seinen Namen unter das Document; dann schob er es dem Rath hin, und dieser, ohne sich länger zu sträuben, unterzeichnete ebenfalls.

»So,« sagte der Staatsanwalt, der die beiden Herren indessen schweigend beobachtet hatte, »das war jedenfalls das Gescheidteste, was Sie thun konnten, und ich hoffe die ganze Geschichte damit beizulegen. Wenn Sie aber meinem Rath noch folgen wollen, Major, so geben Sie jetzt Ihre Jagd auf und werden vernünftig, denn Sie müssen das Nutzlose derselben doch nachgerade eingesehen haben. Wäre wirklich in jener Zeit etwas dem Aehnliches in der Familie Wendelsheim vorgegangen, wie Sie vermuthen, so haben es die Jahre jetzt verwischt. Aber Alles, auf das Sie nur Ihren bösen Verdacht gründen, ist leere Vermuthung, oder, noch schlimmer, ekelhaftes Weibergeschwätz vergangener Jahre, und Sie können Ihrem Gott danken, daß diese Sache hier nicht dem alten Baron zu Ohren gekommen ist; er hätte Sie wahrhaftig nicht so leicht durchgelassen. Doch nun Gott befohlen, meine Herren! Ich habe mich hier länger aufgehalten, als ich wollte. Was fehlt denn eigentlich der Frau von Bleßheim auf dem Sopha?«

»Ach, nichts,« sagte der Major mürrisch; »sie bildet sich immer ein, daß sie krank ist.«

»Und Du wohl nicht?« rief die Dame, sich plötzlich sehr lebhaft aus ihrer liegenden Stellung aufrichtend. »Man muß ja allein schon davon krank werden, wenn man das ewige Gejammer mit anhört!«

»Na, wünsche allerseits einen recht angenehmen Abend!« sagte der Staatsanwalt, vergnügt, aus der Gesellschaft fortzukommen, und seinen Hut schwenkend, schritt er in die schon dämmernde Straße hinaus.

Es war in der That später geworden, als er gedacht, und er ging rasch den Weg hinab, der nach der Stadt zu führte; dabei zuckten ihm aber doch die letzten Reden des Majors durch den Kopf, besonders was derselbe von der Aehnlichkeit gesagt. Darin hatte der alte Major recht: der Lieutenant von Wendelsheim glich seinem Vater, was das Aeußere betraf, auch mit keiner Miene; er war erstlich kleiner als der alte Baron, und seine Züge, seine ganzen Bewegungen trugen einen entschieden andern Charakter. Aber was wollte das sagen? Wie oft kam das in der Welt vor, und konnte nicht einmal gegründete Ursache zu einem Verdacht, viel weniger denn zu einer Klage geben! Merkwürdig blieb es freilich immer, und der Staatsanwalt grübelte auf dem ganzen Weg darüber nach, daß wieder der zweite Sohn so entschieden die Züge der Eltern trug, und dadurch auch seinem Bruder nicht im geringsten ähnelte.