Aber mit all' solchem Nachgrübeln gelangt man natürlich zu keinem Resultat. Ob das Bild in der Stube der Frau Müller der Wendelsheim'schen Familie mehr glich als der Lieutenant, war ziemlich einerlei; deshalb blieb der Letztere doch der Sohn und Erbe, und mit dieser Schlußfolgerung betrat der Staatsanwalt wieder die eigentlichen Straßen der Stadt und schritt unwillkürlich etwas nach links hinüber, um seinen Weg nach Hause so viel als möglich abzukürzen. Es dunkelte allerdings schon stark, aber wenn er die Seitenstraßen benutzte, kam er doch wohl noch bei Zeiten nach Hause, um einige nothwendige Briefe zu unterzeichnen und vor Postschluß zu befördern.

Den kürzesten Weg hatte er durch die Judengasse, und wenn das auch gerade kein Platz war, den man Abends gern passirte, weil das Ausschütten von Gefäßen aus den Fenstern dort nur allzu häufig geschah, schien er dieser Gefahr doch heute Abend trotzen zu wollen, oder dachte auch vielleicht nicht einmal daran. Er bog ohne Weiteres in die Straße ein, hatte aber erst wenige Schritte darin gethan, als er einzelne Menschen rasch an sich vorüberspringen und einem bestimmten Hause zueilen sah, vor dessen Thür sie sich sammelten oder in den Hof eindrängten.

»Was ist denn hier geschehen oder was giebt's zu sehen?« fragte er einen der Leute, der eben dort wieder herauskam und über die Straße wollte.

»Sie haben den alten Salomon todtgeschlagen,« sagte der Mann und sprang in das nächste Haus, um noch eine Laterne zu holen.

»Du lieber Gott,« seufzte Witte, denn er kannte den alten Mann recht gut und hatte schon oft selber mit ihm zu thun gehabt – »das ist ja schrecklich!« Und rasch trat er mit in den Hof hinein, wo er zu der Stelle kam, an welcher die Nachbarn den jungen Baumann hielten und eben dabei waren, ihm die Hände auf den Rücken zu schnüren.

»Wen habt Ihr denn da, Ihr Leute?« fragte der Staatsanwalt, indem er zu ihnen trat, aber in der Dunkelheit nicht gleich die Züge der Einzelnen erkennen konnte.

»Den Halunken, der den alten Mann todtgeschlagen hat, und eben auskneifen wollte, als er mir in die Finger lief.«

Unwillkürlich nahm der Staatsanwalt dem Nächsten die Laterne ab und leuchtete damit dem vermutheten Verbrecher in's Gesicht.

»Herr Baumann!« rief er aber auch schon im nächsten Augenblick ordentlich entsetzt aus. »Das ist doch nicht möglich!«

»Sind Sie von der Polizei?« fragte ihn einer der Umstehenden.