»Und welcher Unterschied ist zwischen Haus- und Turmhöhe? Ein Sturz wäre von der einen genau so verderblich wie von der andern.«
»Gewiß! aber du selber hast ein Seil in solcher Höhe noch nie betreten; du weißt nicht, wie es dich erregen würde – doch wir streiten da um einen ganz nutzlosen Gegenstand. Bis jetzt hat es mir der Magistrat verboten, und ob mein direkt an den Fürsten gerichtetes Gesuch einen anderen Erfolg haben wird, weiß ich noch nicht.«
»Ein Adjutant des Fürsten war heute morgen hier,« sagte Georgine, »ich zweifle aber, ob in der Angelegenheit. Jedenfalls wollte er dich sprechen.«
»Ein Adjutant des Fürsten?« rief Bertrand rasch – »und weshalb hast du mich da nicht rufen lassen?«
»Er hatte keine Zeit. Dort liegt seine Karte. Er ersucht dich, ihn morgen früh zwischen acht und zehn Uhr zu besuchen.«
»Sonderbar!« sagte Bertrand und schritt langsam zu dem Tisch, auf dem die Karte lag. Georgine hatte sich dem Fenster zugewandt und sah hinaus, und der Alte nähte den letzten abgerissenen großen weißen und ballähnlichen Knopf an seine Jacke.
»Nun?« sagte Georgine endlich, als Bertrand noch immer schwieg, indem sie sich nach ihm umdrehte. »Kennst du den Herrn?« Bertrand antwortete nicht. Er hielt die Karte zwischen den Fingern; seine Augen hafteten darauf, aber er sprach kein Wort. Georgine schritt hinüber zu ihm und sah über seine Schulter auf die Karte nieder; erst als er noch immer nicht sprach, schaute sie zu ihm auf und erschrak über die plötzliche Blässe seiner Züge.
»Was fehlt dir, Georg?« rief sie. »Du siehst kreideweiß aus. Was ist mit dem Fremden?«
»Kreideweiß?« lächelte Bertrand, aber ihrem scharfen Blick entging nicht, welche Gewalt er sich dabei antun mußte, wenn er auch sonst seine ganze Fassung und Ruhe behielt. – »Du träumst. Aber wer brachte diese Karte?«
»Der, dessen Namen sie trägt.«